Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner begrüßen seit Jahren für das ZDF das neue Jahr am Brandenburger Tor in Berlin. Imago/Photopress Müller

Nein, liebe Berliner. Dass soll keine Schmähung unseres wohl bekanntesten Wahrzeichens sein. Ich habe nichts gegen das Brandenburger Tor. Es sieht ziemlich adrett aus. Und natürlich weiß ich als anständiger Zugezogener auch, dass die Silvesterfeier am Brandenburger Tor schon eine lange Tradition hat. Ich selbst habe das noch nie vor Ort miterlebt. Doch seit das ZDF die Feier im Jahr 2010 für ihre Willkommens-Show des nächsten Jahres gekapert hat, habe ich mir dann und wann für wenige Minuten ein Bild gemacht und zumindest das, was man im Fernseher sieht, ist Jahr für Jahr ein Trauerspiel - und ein vorhersehbares noch dazu. Das wird es auch in diesem Jahr - in dem wie 2020 wegen der Corona-Pandemie kein Live-Publikum dabei sein wird. Eine Prognose.

Die Silvester-Show vom Brandenburger Tor: Eine Prognose

20.15 Uhr: Ein etwas verklemmter, aber breit grinsender Johannes B. Kerner betritt im langen Mantel die Bühne am Brandenburger Tor, um ihn herum springt Andrea Kiewel im roten Parka. Mit einem breiten Grinsen, sucht sie mit zusammengekniffenen Augen und den Moderationskarten an der Stirn zwischen den hellen Scheinwerferlichtern das Publikum, doch das ist nicht da. Im Hintergrund läuft irgendein Lied von Andreas Bourani - oder ist es Mark Forster?

Andrea Kiewel und Johannes B. Kerner feiern die Ankunft das Jahres 2020. Sie wissen nicht, dass es die vorerst letzte Show mit Publikum ist. Imago/Photopress Müller

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20.49 Uhr: Andrea Kiewel weist darauf hin, dass es nur noch drei Stunden und elf Minuten bis zum Jahr 2022 sind. Eingespielt werden inzwischen mehr als sechs Stunden alte Videos aus Neuseeland, wo sich Menschen um Mitternacht um den Hals fallen. „Ja, hier gelten nicht so strenge Corona-Regeln“, sagt Johannes B. Kerner, dem eine Gitarre um den Hals hängt, mit der er an diesem Abend noch keinen Ton gespielt hat. 

21.05 Uhr: Eine Rolling Stones-Coverband spielt zusammen mit dem nicht namentlich vorgestellten Viertplatzierten des Fernsehgarten-Schlagercastings eine auf Corona umgedichtete Version des Ärzte-Hits „Schrei nach Liebe“ – aber mit mehr Discofox.

Silvester am Brandenburger Tor mit Schalten in die Wohnzimmer der Stars

21.27 Uhr: Kiewel und Kerner schalten in das Wohnzimmer von Thomas Gottschalk, der die Zuschauer mit einem Witz übers Gendern begrüßt und verrät, dass er sich vor einigen Jahren noch mit dutzenden Bleigieß-Sets eigedeckt hat, die er nun Jahr für Jahr gewissenhaft abarbeitet. In diesem Jahr kam bei ihm ein Gehstock heraus. Laut Interpretation: Eine neue Show, die nach drei Wochen wieder abgesetzt wird.

21.34 Uhr: Wieder spielt die Rolling Stones-Coverband. Diesmal den Song Imagine des toten Ex-Beatles John Lennon. Kiewel und Kerner schunkeln beide leicht unterschiedlich neben dem Takt.

22.12 Uhr: „Was hier jetzt los wäre?“, schreit Andrea Kiewel in ihr Mikrofon und zeigt auf die leere Fläche vor der Bühne. „Das war ganz toll“, lobt sie Michael Patrick Kelly, als wäre er ein kleines Kind. Der lächelt nur verlegen in die Leere und denkt: Natürlich war das ganz toll, mache ich schon mein ganzes Leben.

Michael Patrick Kelly wird tatsächlich bei der ZDF-Silvestershow am Brandenburger Tor auftreten. Imago/Future Image

22.21 Uhr: Johannes B. Kerner knöpft sich seinen Mantel auf.

22.24 Uhr: Johannes B. Kerner knöpft sich seinen Mantel zu.

23.01 Uhr: Wieder ergreift Andrea Kiewel die Initiative. „Nur noch eine Stunde bis Zweitausendzweiundzwaaaaaanzig“, ruft sie in den Berliner Nachthimmel, der trotz Böllerverbot schon recht eingenebelt aussieht. Und Kerner kündigt an: „Wir haben noch ganz tolle Gäste!“ 

23.35 Uhr: Palim Palim! Didi Hallervordern sucht die Zuschauer vor der Bühne. „Hätten ruhig ein paar hier sein können“, murmelt das Schauspielurgestein. „Ich hab das ausgerechnet.“ 

Auch Didi Hallervorden ist tatsächlich als Gast bei der Silvestershow am Brandenburger Tor eingeplant. Imago/Future Image

23.58 Uhr: „Bonnie Tyler, meine Damen und Herren“, moderiert Kerner den Auftritt der sichtlich frierenden Britin ab, die eine Coverversion von „The Final Countdown“ zum besten gegeben hat, und will schon anfangen, die Sekunden herunterzuzählen, als ihm Kiwi ins Wort fällt, drei gute Vorsätze fürs neue Jahr herunterrattert und dann zum richtigen Zeitpunkt das Runterzählen beginnt. „5 - 4- 3 - 2 - 1 - Prost Neujaaaaahr!“ Die Kamera schwenkt raus. Feuerwerk!

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0.12 Uhr: Das Feuerwerk ist vorbei. Nur hier und da werden noch „Restbestände“ verfeuert. Kerner und Kiewel verabschieden sich. Zum Abschluss spielt noch die Band Rednex einen Song von Right Said Fred. Nächstes Jahr - so viel Abwechslung darf sein - geschieht es andersrum.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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