Ein Fahrradfahrer radelt auf der Ossietzkystraße in Berlin-Pankow. Foto: dpa/Jörg Carstensen

Nur kurz noch ein abendlicher Gang zur Apotheke. Es geht durch die Pankower Ossietzkystraße. Nahe dem Briefkasten stehen sie, die Beamten der Verkehrsunfallermittlung. Das sehe ich den jungen Männern in Uniform nicht an, aber es steht groß auf dem Polizei-Wagen, der dort steht. Links und rechts vom Wagen ein paar Schaulustige, gelbe Markierungen auf der Fahrbahn. Und ein demoliertes Fahrrad.

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Traurigerweise nichts Ungewöhnliches in Berlin, hier aber schon, denn die Ossietzkystraße ist seit knapp anderthalb Jahren eine Fahrradstraße, also sowas wie ein geschützter Raum für Radler.

19-jähriger Radfahrer schwer verletzt

Am nächsten Tag lese ich im Polizei-Pressedienst und im KURIER, dass ein Auto einen Fahrradfahrer erfasst hat.  „Ein 60-Jähriger fuhr gegen 16.15 mit seinem Wagen in der Ossietzkystraße vom Fahrbahnrand an und kollidierte mit einem 19-jährigen Fahrradfahrer“. Nach dem Zusammenstoß sei der Radler kurzzeitig nicht ansprechbar gewesen, er kam mit dem Verdacht eine Schädel-Hirn-Traumas in eine Klinik, notierte die Polizei weiter.

Bei Twitter wird der Unfall heftig diskutiert, die einen wollen endlich eine komplette Sperrung der Straße für Autos, andere halten das für illusionär in dieser Gegend. Dieser Unfall macht wieder mal klar, welches Konfliktpotential dem Konstrukt Fahrradstraße innewohnt.

Die Regeln auf einer Fahrradstraße sind klar: Radler first! Sie bestimmen das Tempo, den Rhythmus und die Umgangsformen. Mit dem Auto dürfen nur Anwohner langsam unterwegs sein. Auf dieser Straße bin auch ich mal diese und mal jene, mal Fahrradfahrerin auf dem Weg nach Pankow-City oder selten Autofahrerin, auf dem Weg zu meiner Freundin.

Mal Radlerin, mal am Steuer eines Autos 

Frei nach Goethe schlagen dann zwei Herzen in meiner Brust, das der Autofahrerin, die den von hinten rechts diagonal kommenden Radler wirklich nicht sehen konnte und das der Radfahrerin, die natürlich meint, sie könne rasch mal die Straße queren, wenn auf der anderen Seite ein Bekannter winkt. Von der Fußgängerin, die sich zwischen kleinen und große Täve Schurs den Weg zum Park bahnt, ganz zu schweigen.

Aber dummerweise ist eine Fahrradstraße sowas wie ein Handspiegel der Gesellschaft. Und es zeigt sich, schon im Kleinen ist so schwer zu praktizieren, was das große Ganze dringend braucht: Toleranz, Empathie, Rücksicht.

Doch was habe ich auf dieser Straße nicht schon alles gehört: „Blöde Suv-Tussi“, „breitarschiger Vollpfosten“ oder „Kannste nich kieken, Opa“ sind noch die harmloseren Varianten. Distinguiertes Kopfschütteln oder eindeutige Gesten in Richtung Stirn nimmt schon gar niemand mehr wahr. Jeder – so scheint es - ist dem anderen gram. Auf Besserung zu hoffen, das lasse ich mir dennoch nicht nehmen. Aber vor allem wünsche ich mir, dass der junge Radler wieder ganz gesund wird.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com