Beim Postcrossing schicken sich fremde Menschen auf der ganzen Welt Postkarten. Hier ein paar der Karten, die KURIER-Autor Florian Thalmann schon bekommen hat.
Beim Postcrossing schicken sich fremde Menschen auf der ganzen Welt Postkarten. Hier ein paar der Karten, die KURIER-Autor Florian Thalmann schon bekommen hat. BK/fth

Ich habe immer gern geschrieben. Tagebuch in meiner Jugend, manchmal eine Kurzgeschichte, später für die Zeitung, aber immer Briefe und Karten. Im Gegensatz zu vielen anderen Menschen meiner Generation – ich bin momentan 32 – macht es mir Freude, auch mal auf so vermeintlich altmodische Weise zu kommunizieren. Doch auch bei mir wurde der Briefkasten im Laufe der Jahre immer leerer, weil sich alles nur um Whatsapp drehte. Heute schreibt kaum noch jemand – aber warum eigentlich nicht?

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Schreiben Sie noch Karten und Briefe? Vielleicht ab und zu mal eine Geburtstagskarte oder, wenn es sein muss, eine Karte mit Beileidsbekundungen? So ging es mir auch über Jahre. Doch im Dezember packte mich nach einer längeren Pause wieder die Lust, öfter mal eine Karte zu verschicken. Ich hatte Urlaub, beinahe einen ganzen Monat lang. Und beschloss, ein besonderes Experiment zu wagen.

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Ein Projekt im Dezember entfachte meine Lust auf Postkarten

Ich kaufte mir einen Adventskalender mit weihnachtlichen Postkarten, dazu Umschläge, Aufkleber, Briefmarken. Und dann schrieb ich – jeden Tag eine Karte. Das Ziel: Meine Weihnachtspost sollte an Freunde gehen, aber auch an Bekannte, von denen ich schon längere Zeit nichts gehört hatte. Ich zog es durch und schaffte es, schrieb an entfernte Verwandte, Freunde, sogar an meine Klassenlehrerin aus der Grundschule.

„Jesus, mach' die Tür zu! Wo wurdest du geboren - in einer Scheune?“ Manche Postkarten sind kleine Kunstwerke.
„Jesus, mach' die Tür zu! Wo wurdest du geboren - in einer Scheune?“ Manche Postkarten sind kleine Kunstwerke. BK/fth

Es kamen auch ein paar Antworten zurück, worüber ich mich besonders freute. Und die lösten etwas aus: Ein herrliches Glücksgefühl, wenn in Zeiten von E-Mails und Whatsapp-Nachrichten plötzlich eine Karte in meinem Briefkasten landete. Wie schön das war! Das Feuer war entfacht. Ich liebte es, mich hinzusetzen, mir ein paar Minuten Zeit für einen Gruß zu nehmen, der einem anderen Menschen Freude macht. Und dann: Plötzlich selbst liebe Post zu bekommen, nicht nur Rechnungen und Rabatt-Coupons von der Drogerie.

Was ist „Postcrossing“ und wie funktioniert es?

Aber: Wohin könnte ich Karten schicken? Da in meinem Freundeskreis wenige Leute schreiben, brauchte ich ein Forum. Und entdeckte „Postcrossing“. Kennen Sie nicht? Hinter diesem Namen verbirgt sich eine weltweites Forum aus Postkarten-Fans. Es funktioniert so: Man registriert sich im Internet über die Website www.postcrossing.com, gibt dort seine Postadresse an. Dann bekommt man per Zufallsgenerator die Adresse eines wildfremden Menschen von irgendwo auf der Welt, verschickt an diesen Menschen eine Karte.

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Ist sie angekommen, kann der Empfänger sie registrieren – und in diesem Moment bekommt dann ein anderer wildfremder Mensch irgendwo auf der Welt die eigene Adresse zugelost. Ein faires Hobby, denn: Nur wer Karten versendet, kann auch welche bekommen. Nun setze ich mich regelmäßig hin, schreibe Karten – rund 40 habe ich schon auf die Reise geschickt und genauso viele bekommen. Sie kommen aus den USA, aus Holland, Finnland, China, Portugal, Taiwan, Russland, Frankreich oder Belgien. Viele Karten sind kleine Kunstwerke, die bringen mich zum Schmunzeln. Jeder, der eine schickt, denkt sich etwas dabei.

Manchmal werden Karten bei ihrer langen Reise auch zerstört - so wie diese aus Mexiko.
Manchmal werden Karten bei ihrer langen Reise auch zerstört - so wie diese aus Mexiko. BK/fth

Manche schreiben nur einen kurzen Gruß darauf, andere werden persönlicher. Eine junge Frau aus Russland packte ihre Postkarte in einem Briefumschlag – und erklärte, dass sie lesbisch sei und das nicht offen schreiben könne. Eine Frau aus Frankreich schickte ein Rezept für Bretonische Crepes. Ein Mann aus Oregon in den USA schrieb mir, weil ich Rätsel mag, eine Botschaft in koreanischen Schriftzeichen, die ich übersetzen sollte – und eine Frau aus Chicago erzählte von ihrem ersten Besuch in Berlin, 1983, als die Mauer noch stand.

Ebenfalls ein schönes Exemplar: Diese Karte bekam unser KURIER-Autor aus Russland.
Ebenfalls ein schönes Exemplar: Diese Karte bekam unser KURIER-Autor aus Russland. BK/fth

Es sind flüchtige Begegnungen unter Fremden, und natürlich ist der Platz auf Postkarten eher beschränkt – aber trotzdem macht es Freude, Botschaften aus aller Welt zu bekommen und nur mit einem Stift und einem Stück Papier anderen ein kleines Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und: Es entschleunigt. Ich habe jetzt ein Schreib-Körbchen mit Karten, Briefmarken, ich habe sogar meinen alten Füller wiederbelebt.

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Und wenn ich mal ein paar Minuten Ruhe brauche, dann setze ich mich hin und schreibe. Probieren Sie es mal aus – Sie werden sehen, wie glücklich es macht... und sich schon bald über Briefkasten-Futter freuen können.

Florian Thalmann schreibt im KURIER eigentlich jeden Mittwoch über Tiere - aber in Vertretung seiner Kollegin Claudia Pietsch nun auch über Berliner Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com

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