Beste Freunde: Campino und Marteria. Der eine Ossi aus Rostock, der andere Wessi aus Düsseldorf. Gemeinsam nehmen sie gängige Klischees aufs Korn. dpa

Wenn mit Campino und Marteria zwei Top-Stars der deutschen Popmusik, einer Wessi, der andere Ossi, in die Klischee-Kiste greifen, wird es amüsant. Die Doppel-Single der beiden, die kürzlich erschien, ist auf jeden Fall eine Empfehlung. Mich hat das Hören der Songs, die gleich in die Charts eingestiegen sind (Ossi auf Platz 5, Wessi knapp dahinter auf 6)  zum Nachdenken gebracht: Ist 33 Jahre nach der Wende wirklich noch was dran, an den alten Klamotten über den Scheiß-Wessi und den Scheiß-Ossi? Ziemlich sicher, fürchte ich.

„Wir scheiß Ossis, heut ziehen wir blank am FKK“, singt Marteria in seinem Ossi-Part, und bringt neben der obligatorischen  Freikörperkultur auch Rotkäppchen-Sekt, Asbest und Aspik in seinem Song unter. Mit Stolz stellt er fest: „Ja, wir sind von gestern, aber wer hat hier die Tesla-Fabrik?“

Kann schon sein, dass wir im Osten uns immer noch als Underdogs begreifen.  Cool, aber irgendwie verkannt. Kann schon sein, dass  wir es denen im Westen immer noch zeigen wollen.  Als Kompensation für die Angliederung an die BRD, die wahrlich nicht alle als Segen empfanden.

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So wie man im Westen schnell genervt vom Soli war, fühlten sich die Ossis überrumpelt von Scheine-schmeißenden Machern, die von Rostock bis Erfurt den Osten kaperten. Die überhastete Einverleibung hallt noch heute nach. Denn für eine echte Auseinandersetzung mit Biografien und Lebensleistungen im Osten war erst keine Zeit, dann war es zweitrangig bis unerwünscht.

Bis heute haben wir da viel nachzuholen. Erst jetzt macht sich eine junge Generation derer, die die DDR gerade noch so selber erlebten oder aber aus den Erzählungen ihrer Mütter und Väter kennen, auf und stellt Fragen an die Geschichte. Sie rollen auf, starten Kunstprojekte, oft unbefangener als ihre Eltern mit all ihren Verletzungen und Mikrotraumata es je konnten. Sie wollen verstehen und erzählen, was genau da so unterschiedlich lief in den beiden Deutschlands während 30 Jahren der Teilung. Dass es Unterschiede und auch Berührungsängste noch heute gibt, liegt auf der Hand:

Ich zum Beispiel war noch nicht wirklich oft in westdeutschen Kleinstädten. Mir würde es nie einfallen, Löwen-Senf zu kaufen, oder Henkell Trocken. Und ja, ich wünschte mir mehr Vorstände und Chefs mit Ostbiografie. Weil ich einen gewissen Wertekanon mit meinem Aufwachsen in der DDR verbinde. Vermeintlich westdeutsche Sattheit und Arroganz sind mir bis heute fern, genauso wie die Tugend, sich gut verkaufen zu müssen. Heiße Luft und nüscht dahinter.

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Wir Ossis sind da pingelig und stapeln lieber zu tief als zu hoch. Meinen Kindern gebe ich mit, dass man eher wohlwollende Sensoren für die Menschen um einen herum braucht und weniger Ellenbogen, um immer Erster zu sein. Individualismus versus Gemeinsinn, Kapitalismus versus Gemeingut, ich glaube schon, dass Ossis und Wessis da noch immer unterschiedliche Herangehensweisen haben und weiß zeitgleich, dass Verallgemeinern selten weiter hilft.

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Was also tun für ein besseres Verständnis? Wie Materia in seinem Song zum Schluss erkennt, es sind ja nicht alles reiche Schnösel im Westen: „Tief in euch drin seid ihr Schalke“, singt er und ich habe ja auch schon wirklich feine Menschen mit West-Sozialisation kennengelernt.

2018 forderte Helmut Holter, damals Präsident der Kultusministerkonferenz, einen verstärkten Schüleraustausch zwischen Ost‐ und Westdeutschland. Ost und West redeten viel zu wenig miteinander, glaubte er. Damals hielt man sein Anliegen für überholt und machte sich lustig darüber. Ich fände die Idee charmant. Kulturaustauschen zwischen Schwerin und Schwäbisch-Gmünd, zwischen Erfurt und Essen. Damit dieses Fremdeln zwischen Ossis und Wessis zu einem Freundeln wird - wie bei Campino und Marteria.

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER über Berlins Kieze und den Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com