Hoch das linke Bein - junge Frauen, Kinder, Jugendliche und auch einige Männer bei Aerobic-Übungen in Halle/Saale (undatiertes Archivfoto aus den 80er Jahren). Aerobic wurde in der DDR Popgymnastik genannt und über die Fernsehsendung „Medizin nach Noten“ populär gemacht. dpa/Hans-Peter Beyer

Im Januar traf ich gleich drei Bekannte, die unabhängig voneinander eine sogenannte Yoga-Challenge absolvierten. Jeden Tag macht man dabei Übungen am Bildschirm mit, die eine biegsame Frau in Internet-Videos vorturnt und fühlt sich hinterher besser. Im Idealfall wird aus der Challenge, der Herausforderung also, eine tägliche Routine.

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Nichts anderes wünschte man sich auch in der DDR mit der Popgymnastik, die in der leider zu Unrecht vergessenen Sendung „Medizin nach Noten“ vorgeturnt wurde. Ich habe mir noch mal einen Ausschnitt der meist zehn Minuten langen Clips, die morgens und später auch im Vorabendprogramm im DDR-Fernsehen ausgestrahlt wurden, angesehen und bin hin und weg.
Die Glanzanzüge! Die Stirnbänder! Die athletischen Turner und Gymnastinnen! Flashdance und Popmusik bei uns im Osten.

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Aerobic im Westen, Popgymnastik in der DDR

Im Westen machte Jane Fonda Aerobic populär, in der DDR machten wir Popgymnastik. Und wir turnten schon zu Musik, als man im Westen noch nicht mal wusste, wie man Aerobic schreibt. Das Sport-Mitmach-Programm „Medizin nach Noten“ lief seit den 60ern im DDR-Fernsehen. 1985 wurde die Sendung aufgepeppt und seitdem im Sport- und Erholungszentrum SEZ aufgezeichnet.

Anglizismen brauchte man für die neuen Trendsportarten nicht: Surfen wurde zu Brettsegeln, Bodybuilding zu Körperkulturistik, Yoga zu Yoganastik und Aerobic eben zu Popgymnastik.

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Den politischen Aspekt, der mit der Motivation zu mehr Bewegung verbunden war, blendeten wir aus, wenn wir vor dem TV mitturnten. Bessere Leistungsfähigkeit, gesündere Bürger darum ging es denen da oben. Uns gefiel die fetzige Popmusik – auch aus dem Westen (Kim Wilde) und die coolen Anzüge der Vorturnerinnen.

Es soll sogar Brigaden in Betrieben gegeben haben, die in den Pausen turnten. Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Sendung und Zeitgeschichte zitiert einen Bericht über die Ost-Berliner „EAW-Brigade der Frauen“, die schon 1967 ihre Pausengymnastik à la „Medizin nach Noten“ als Teil ihres Brigadeplans gestaltete. Vorbildlich. Wir machten ab und zu Popgymnastik im Sportunterricht und die olle Turnhalle wurde auf einmal ein kleines SEZ.

Jane Fonda, im Westen Königin des Aerobic-Trends. In der DDR konnten wir das auch. Imago

Medizin nach Noten im SEZ

Ab 1985 bildete das gerade erst eröffnete SEZ einen modernen Rahmen für die Ertüchtigungs-Show. Hier trainierte das „Medizin nach Noten“-Team unter Anleitung der Hochschulsportlehrerin Elke Kurth, des Berufsschulsportlehrers Karl-Heinz Wendorff und der Autorin Karin Wildgrube in einer großen Runde, die aus verschiedenen Altersgruppen zusammengesetzt war.

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Unter einem Video, das im Internet zu finden ist, gibt ein ehemaliger Mitturner an, die jungen Männer, die man sieht, seien als Zeitsoldaten oft dazu verdonnert worden, bei den Aufzeichnungen mit zu hüpfen. Kein Wunder, dass eine Normalsterbliche wie ich schnell außer Puste gerät, wenn sie versucht, zu den 80er-Beats im Takt die Glieder zu beugen. Das wäre doch mal eine Challenge: Jeden Tag zehn Minuten Medizin nach Noten. „Sie werden ihre Frau nicht wieder erkennen“, hieß es in der Werbung für die Sendung. Topp, die Wette gilt.

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER über Berlins Kieze und den Osten. 
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com