Jessica ist die erste trans Frau bei „Love Island“. RTL2

„Love Island“ ist eine der am besten gemachten Dating-Shows Deutschlands. Sie ist witzig, unterhaltsam, voller Gefühle, mit vielen Momenten zum Lachen – und zeigt auch immer wieder klare Kante, wenn die Singles sich toxisch benehmen und dabei rassistische oder sexistische Denkmuster reproduzieren.

Vor diesem Hintergrund hat es mich auch nicht überrascht, dass in der am Montag gestarteten siebten Staffel mit Jessica eine Frau dabei ist, die als Junge auf die Welt kam. Die 22-Jährige ist damit weltweit die erste trans Frau bei „Love Island“. Auf den ersten Blick ein großes Zeichen – aber eines, mit dem große Verantwortung einher geht.

„Love Island“: Jessica präsentiert sich als selbstbewusste Frau

Jessica ist eine selbstbewusste Frau. Das zeigte sich gleich in den ersten Szenen der aktuellen Staffel, sie nimmt kein Blatt vor den Mund und outete sich direkt vor ihren weiblichen Mitstreiterinnen. Und es fiel auf: So stark sie auch wirkte, es schwang Schmerz in ihrer Stimme mit, als Jessica darüber sprach, sich immer wieder outen zu müssen.

Erstmals tat Jessica das mit 12 Jahren und lebte seither als Mädchen. Nach drei geschlechtsangleichenden Operationen fühlt sie sich nun auch in ihrem Körper wohl – und bekam auch von den anderen Singles viele Komplimente.

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Jessica mit den anderen Frauen in der „Love Island“-Villa. RTL2

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Zumindest von den weiblichen. Denn vor den männlichen Kandidaten tat sich Jessica mit ihrem Outing schwer, und das obwohl sie betonte, stets für Transparenz zu sein. Diese Vorsicht ist nur verständlich, denn in Deutschland wird trans Frauen immer wieder das Frausein abgesprochen – sogar im Bundestag durch die AfD-Politikerin Beatrix von Storch.

„Love Island“: Jessica ist Pionierin mit vielen Risiken

Jessica ist bei „Love Island“ eine Pionierin und sie trägt dort vor den Augen tausender Zuschauer einen Kampf aus, der auch abseits der Kameras ausgefochten wird. Schon die ersten Szenen im Flirt mit Single-Mann Adriano ließen erahnen, wie viel Kraft jedes einzelne Kennenlernen benötigt und wie viele Wunden es gibt, die drohen in aller Öffentlichkeit aufzureißen.

Denn jedes Outing kann bei entsprechender Intoleranz des Gegenübers das abrupte Ende des Flirts bedeuten – und zwar eines, das nicht durch unterschiedliche Interessen, Ziele oder fehlende Anziehungskraft begründet wird, sondern lediglich durch die fehlende Akzeptanz von dem, was Jessica ist: eine Frau.

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„Love Island“: Jessica und Adriano beim Flirten. RTL2

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Es ist mutig von Jessica, sich dem in aller Öffentlichkeit zu stellen. Doch nicht nur sie ist eine Pionierin, auch „Love Island“ geht damit Wege, die bislang noch keine heterosexuelle deutsche Dating-Show gegangen ist. Auch das erfordert Mut, wenn man es richtig machen will, aber ebenso eine ganze Menge Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein.

Mutig ist es, weil „Love Island“ mit Sicherheit auf den Sozialen Netzwerken für diese Entscheidung angefeindet werden wird. Verantwortung wird an der Stelle notwendig, wenn es darum geht, Jessica die Kämpfe, die möglicherweise auf sie zukommen, nicht alleine ausfechten zu lassen, sie nicht als Diversity-Token in ein Haifischbecken zu werfen.

„Love Island“: Wie viel Unterstützung bekommt Jessica?

Im Vorfeld sprach Moderatorin Sylvie Meis vom härtesten Casting aller Zeiten. Wurde da also auch abgefragt, ob die Männer bereit seien, eine trans Frau zu daten, um Jessica nicht vor die Wand laufen zu lassen? Das ist unklar: Auf Nachfrage vom KURIER teilt eine Sendersprecherin mit: „Bewerben kann sich jeder Single, der die große Liebe sucht. Die Islander bilden Couples, dabei ist nichts unmöglich – wie in der Liebe.“

Die Sprecherin betonte auch, dass man Jessicas Offenheit um das „Thema Transgender“ bewundere und: „Das Wohl unserer Protagonist*innen hat für uns oberste Priorität!“

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Was das konkret heißt, werden die kommenden Folgen zeigen. Sicher ist: Wenn es einem Format zuzutrauen ist, den Türöffner zu spielen, dann ist es „Love Island“, das mit seinem Schnitt und seinem Off-Sprecher Simon Beeck zuletzt hervorragende Arbeit geleistet hat. Für Jessica ist zu hoffen, dass die Produktion diesem Vertrauensvorschuss gerecht wird.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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