Die große KURIER-Kolumne: Claudia Pietsch schreibt über Spreewälder Gurken. Foto: Imago/Imagebroker

Es war nur eine kleine Nachricht im Berliner KURIER, aber mich hat sie gewaltig verstört. Die Spreewaldgurken werden französisch. Korrekter:  Das Bundeskartellamt hat den Verkauf des vor allem für seine „Spreewälder Gurken“ bekannten Familienunternehmens Spreewaldkonserve Golßen aus Brandenburg an den französischen Wettbewerber Andros freigegeben.  

Nicht, dass ich ein besonderes Faible für Gewürzgurken habe. Ja, man braucht einige davon für eine ordentliche Soljanka, aber sonst? Auch für ein Katerfrühstück sind sie ganz gut geeignet. Aber ob sie zu DDR-Zeiten Bückware gewesen sind, oder ob dies ins Reich der immer zahlreicher werdenden Ost-Mythen gehört, weiß ich gar nicht so genau. Hingegen erinnere ich mich, dass ich von Frankreich schon immer begeistert war.

Ferien mit Songs von Joe Dassin und französischer Schokolade

Es begann in den 1970ern im Betriebsferienlager, in dem sich mit uns französische Kinder, deren Eltern Kommunisten waren, aus der Oranienburger Partnerstadt Bagnolet, gelegen in der Banlieue von Paris, erholten. Sie hatten verführerisch klingende Musik dabei, etwa von Joe Dassin, und trugen die fetzigsten Jeans, die ich je gesehen hatte. An politische Debatten erinnere ich mich nicht, sehr wohl aber an die Betreuerin Madame Yvette, die unnachgiebig dafür sorgte, dass wir Mädchen abends nicht zu lange im Bungalow von Jean-Luc und Richard blieben. Am 14. Juli gab es für die Gast-Urlauber und uns französische Schokolade im Überfluss, so dass ich den Nationalfeiertag nie mehr vergaß. 

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Und ehrlich, gegen saure Gurken hätte ich diese Riegel duftender Schokolade nie und nimmer getauscht. Später lernte ich in der Schule Französisch, nervend war die Lehrerin und trist die Vorstellung, Paris wahrscheinlich niemals zu sehen. Diese öde Aussicht ist inzwischen Geschichte, Paris hat mich zum Staunen gebracht und mein literarischer Lieblingskommissar ist inzwischen George Dupin, der in der Bretagne ermittelt. 

Gurken - eine ostdeutsche Kernkompetenz?

In einem seiner Fälle erfuhr ich, dass es in Frankreich kleine Konservenfabriken, Conserveries, gibt, deren Mitarbeiterinnen kulinarische Kostbarkeiten wie Lachscreme mit Estragon oder Sardinen in Zitronenmarinade in Handarbeit in kunstvoll gestaltete bunte Blechdosen zaubern. Schon rein optisch wahrscheinlich kein Vergleich mit einem schnöden Gurkenglas in Grün. 

Nadja Nagibin, Mitarbeiterin der Firma Spreewaldmüller GmbH & Co. KG, überwacht eine Anlage zum Befüllen von Dosen mit Einlegegurken. Foto: dpa(Patrick Pleul

Und doch verspüre ich so etwas wie Empörung über dieses französische Eindringen in eine gefühlt ostdeutsche Kernkompetenz. Wahrscheinlich rührt das Unbehagen daher, dass sich der französische Gemüse-Coup in  gewisser Weise nur einreiht: Auch andere ostdeutsche Marken wie Bautz'ner Senf, Halloren oder Wernesgrüner Bier gehören inzwischen zu großen Konzernen. Das habe ich immer so hingenommen,  nur der Gurken-Deal schlägt mir aufs Gemüt. Dennoch will ich den Franzosen eine Chance geben. Deshalb: adieu Spreewaldgurken - bonjour cornichons. 

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. 
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com