Ein kleines Kind, das mit Angehörigen vor dem Krieg und dem russischen Angriff aus der Ukraine geflüchtet ist, kommt mit einem Bus in der ungarischen Gemeinde Tiszabecs an einer Unterkunft für Flüchtende an. dpa/Marton Monus

Als Corona noch als unser größtes Problem galt, waren sie eine vulnerable Gruppe. Besonders verletzlich gegenüber der drohenden Krankheit. Nun, da uns täglich die Bilder von einem mitten in Europa tobenden Krieg ins Haus kommen, sind sie es wieder: Unsere Mütter und Väter, Großeltern, Tanten und Nachbarn jenseits der 75. Sie haben den letzten verheerenden Krieg und die schweren Jahre danach erlebt. Auch wenn sie vielleicht nicht oft darüber sprachen oder sprechen, was sie als Kinder durchgemacht haben. Es sitzt tief.

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Nun kommen die vergrabenen Erinnerungen wieder ans Licht, wenn sie  Fernsehbilder sehen von Menschen, die sich in U-Bahn-Stationen vor tödlichen Waffen verstecken. Von Toten und Verletzten. Von Müttern mit Söhnen und Töchtern, die mit wenigen Habseligkeiten auf die Flucht gehen. Stundenlang an Grenzübergängen warten. Um Plätze in Zügen kämpfen. Dazu die Fotos von zerstörten Häusern und Plätzen.

Unschuldige Kinder auf einer Reise mit ungewissem Ausgang

Ich habe meine Mutter selten so bestürzt erlebt, wie in den Tagen seit Putins Überfall auf die Ukraine. Weil sie mitfühlt mit den Menschen, die jetzt in großer Not sind und ihnen helfen will, erinnert sie sich an furchtbare Tage, die sie als Fünfjährige erleben musste. Zusammen mit den Großeltern und dem noch sehr kleinen Bruder auf der Flucht aus dem westpreußischen Dirschau (heute Tczew in Polen).

Sie weiß noch heute genau, wie kalt es in dem Güterzug war, in dem sie in Januartagen des Jahres 1945 fünf Tage unterwegs gen Westen war. Sie kann die Gerüche beschreiben und die Furcht, die sie verspürte, wenn die Waggons immer wieder umgeleitet wurden – Bombenangriffe drohten.

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Es bedrückt sie, wenn sie an das kleine Mädchen von damals denkt und sehen muss, dass heute wieder unschuldige Kinder urplötzlich auf eine ungewisse Reise gehen müssen. Weil der Krieg sie vertreibt. Ähnlich berichten auch Freunde von mir über die Beklommenheit, die sie neben großer Hilfsbereitschaft bei den Kriegskindern von einst wahrnehmen.

Schon vor Jahren las ich ein Interview, in dem eine Psychologin sagte, dass diejenigen, die in den 30er- und 40er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts Kinder waren, sich im Alter wieder an ihre traumatischen Erlebnisse erinnern. Und nun der aktuelle Krieg, den sich fast niemand vorstellen konnte.

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Deshalb dürfen wir auch unsere Oldies jetzt nicht im Stich lassen. Reden wir mit ihnen über ihre neuen Ängste, beruhigen und trösten wir sie. Auch weil wir selber Beruhigung und Trost brauchen.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com