Viele Hunde mögen Silvester nicht - nachvollziehbar. Aber: Muss es den ewigen Krieg zwischen Tierfreunden und Böller-Fans geben? imago/Rene Traut

Vor ein paar Tagen ist die ganze Welt in ein hoffentlich gesundes und glückliches neues Jahr gerutscht – und zwar trotz Böllerverbot mit allerlei Feuerwerk. In Berlin glühte der Himmel, die Pyro-Fans ließen es in sämtlichen Stadtteilen richtig krachen… ganz zum Leidwesen von Tierfreunden. Denn: Viele Haustiere fürchten sich vor der Knallerei in der Nacht des Jahreswechsels. Die wahren Folgen des Böllerns werden aber erst in den ersten beiden Wochen nach der Silvesternacht klar.

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Und zwar anhand von Zahlen, die Tierfreunde schockieren. In den sozialen Medien gibt es die „AG Silvesterhunde“, ein Bündnis aus etwa 50 ehrenamtlichen Tierfreunden aus der gesamten Republik. Sie sammeln und dokumentierten an den Tagen rund um den Jahreswechsel Fälle von entlaufenen Hunden. Denn es passiert immer wieder: Bei der Gassirunde schon vor der eigentlichen Nacht des Jahreswechsels detoniert irgendwo ein Böller, der Hund reißt sich aus Angst los – und ist verschwunden.

So viele Tiere verschwanden zu Silvester – die Dunkelziffer ist riesig!

Jedes Jahr veröffentlichen die Ehrenamtlichen an den ersten Januar-Tagen die Zahlen. In diesem Jahr - Stand 2. Januar – recherchierten sie 373 Vermisstenmeldungen. „Davon sind leider zehn Hunde verstorben. Die Dunkelziffer ist wesentlich höher“, heißt es dazu. „Bitte passt weiterhin gut auf eure Hunde auf und sichert sie doppelt und dreifach. Es wird in vielen Orten immer noch geböllert.“ Für Tierfreunde ist das Projekt eine Art „Sammelstelle der Silvester-Opfer“.

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Die Zahlen fachen auch eine Diskussion an: Jene zwischen Tierfans und Böller-Freunden – sie lief im vergangenen Jahr bereits an, als es um das Verkaufsverbot für Silvesterraketen ging. Es ist eine Debatte, in der es oft kein Schwarz und kein Weiß gibt. Wer Tierliebhaber ist, ist gegen die Knallerei – und wer gern böllert, wirft den Tierhaltern vor, nicht gut genug auf das eigene Haustier aufgepasst zu haben. Auch auf der Seite der „AG Silvesterhunde“ flammt diese Diskussion auf. Die einen beschimpfen die „sinnlose Böllerei“, die anderen die „unachtsamen Tierhalter“.

Für Menschen ist Feuerwerk eine Freude, doch viele Tiere haben Angst davor. imago images/Marius Schwarz

Darf ich Ihnen ein Geheimnis verraten? Ich gehöre auf beide Seiten. Ich bin, man möge mich verurteilen, ein großer Fan von Silvesterfeuerwerk – und schieße, wenn nicht gerade Pandemie ist, den Himmel voller Sterne. Laut und bunt soll es sein. Aber: Ich liebe auch Tiere. Und finde, bei etwas mehr gegenseitiger Rücksichtnahme müssten die Fronten nicht so verhärtet sein.

Böller gegen Tierfreunde: Rücksichtnahme ist das Zauberwort!

Ich hatte als Kind einen Hasen und ein Meerschweinchen, die in einem Stall auf unserem Grundstück wohnten. Auf dem Land und daher sowieso etwas abgelegener, aber trotzdem längst nicht böllerfrei. Auch ich habe damals geknallt, aber der Stall wurde vorher mit Stoffen abgehängt, damit die Tiere Ruhe hatten, dazu gab es eine besonders leckere Portion Futter und Extra-Streicheleinheiten. Und in unmittelbarer Nähe des Stalls kam Feuerwerk sowieso gar nicht in die Tüte.

Das ist aus meiner Sicht – sozusagen – Rücksichtnahme in der Nussschale. Warum können nicht die Böller-Fans etwas achtsamer sein, warum nicht wirklich nur am Silvester- und am Neujahrestag knallen? Warum nicht etwas besser auf das Umfeld achten? Mir käme nie in den Sinn, auch nur einen Feuerwerkskörper zu zünden, wenn sich ein Hund mit Herrchen oder Frauchen nähert.

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Und andersherum: Warum können die Tierhalter nicht etwas besser darauf achten, ihre Lieblinge ausreichend zu sichern? Schließlich ist klar, dass geböllert wird. „Ich verstehe es einfach nicht. Jeder weiß, dass Silvester kommt“, schreibt eine Tierhalterin auf Facebook. „Dann sichere ich meinen Hund, wenn es sein muss doppelt und dreifach.“ Und eine andere: „Einfach nur schrecklich, wie viele Menschen sich der Verantwortung für ihr Tier nicht bewusst sind.“ Dazu gehört auch, zu akzeptieren, dass es eben Leute gibt, die Feuerwerk mögen.

Böller oder Tiere? Beides geht nicht zusammen, meinen viele. Doch, ich finde schon. Mit etwas mehr gegenseitiger Akzeptanz – und die sollte es in unserer zivilisierten Gesellschaft geben – müssen wir alle nicht auf Böller verzichten. Und auch keine so hohen Vermisstenzahlen ertragen. Ob mit Hund oder ohne, mit Raketen oder ohne: Ich wünsche ein frohes Jahr 2022!

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiere.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com