Na, erinnern Sie sich noch? So traten ABBA 1974 nach ihrem Grand-Prix-Sieg in der DDR-Show „Ein Kessel Buntes“ auf. Das Foto von dem Auftritt zierte auch die DDR-LP-Ausgabe von „Waterloo“. Foto: Amiga

Mamma mia! Hat Sie dieses Nachricht auch so umgehauen? Agnetha, Björn, Benny und Anna-Frid, kurz ABBA, sind  nach 40 Jahren mit neuen Songs zurück. Da jubelt die Fan-Schar vor allem aus unserer Heimat-Region, zu der ich auch gehöre. Erinnerungen aus DDR-Zeiten spielen da sicher eine große Rolle. Denn ABBA haben zwischen 1974 und 1982, wie kaum eine andere Pop-Band aus dem Westen, die Menschen im Osten begeistert.

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Ich habe mich darüber mit Alain Barthel (59) unterhalten. Der Berliner IT-Experte betreibt seit 1995 die deutsche Fan-Internetseite abba.de. Sein Büro am Potsdamer Platz liegt unweit des Meistersaals der Hansa-Studios, in dem in den 60er-Jahren Agnetha deutsche Schlager aufnahm, als an ABBA noch gar nicht zu denken war. Barthel erzählt mir, wie sehr sich die Menschen über das Comeback der vier Schweden freuen. Viele Anrufe erhielt er auch von Fans aus der einstigen DDR, die ihm ganze Lebensgeschichten am Telefon erzählten, wie wichtig ihnen diese Band war.

Ein ABBA-Bild aus einer DDR-Zeitschrift, dass der Kolumnen-Autor noch besitzt. Das Foto muss vermutlich vor dem „Kessel Buntes“-Auftritt im alten Friedrichstadt-Palast entstanden sein.  Repro: Koch-Klaucke

Geschichten, wie ich sie erlebte. Bei „Dancing Queen“ der erste Tanz in der Schuldisco, bei „Gimme, Gimme, Gimme“ die ersten verliebten Blicke an die große Jugendliebe, bei „Happy New Year“ begrüßte man mit der Familie das neue Jahr.

ABBA haben es damals geschafft, mit ihren Songs die Deutschen zu vereinen, meint Ober-Fan Barthel.  Ob man den Berliner Rundfunk oder den RIAS hörte: ABBA bestimmte damals im Osten wie im Westen das Musikprogramm der Sender - zur Freude der Hörer hüben und drüben. Ich weiß noch, wie „Jugendradio DT64“ in der Sendung „Musik für den Rekorder“ alle ABBA-Alben komplett zum Mitschneiden sendete. Die Fans im Osten waren happy.

ABBA vereinte mit ihrer Musik die Menschen in Ost und West

Selbst im DDR-Fernsehen waren ABBA präsent. „Nachdem sie 1974 den Grand Prix gewannen, traten sie zuerst in der Show ,Ein Kessel Buntes‘ mit ihrem Hit ,Waterloo‘ auf“, weiß Barthel. Dann seien ARD und ZDF gefolgt.

Die ABBA-Ausgabe „Dancing Queen “ als Musikkassette. Auf der DDR-Version des Original-Albums „Arrival“ fehlte der Hit „Money, Money, Money“. Foto: DDR-Museum

Zwar war dann die Band in den West-Shows öfter zu Gast. Dafür zeigte das DDR-Fernsehen ein für das polnische Fernsehen produzierte ABBA-Special und natürlich den ABBA-Film. Der lief zuvor in den Kinos, war 1978 der meistgesehene Film in den Lichtspielhäusern der DDR. Allein ich habe ihn damals zehn Mal gesehen. Nicht nur wegen der Musik: Ich war mit 12 Jahren in Frida verknallt.

Die Ost-ABBA-Plattensammlung des Autors: Die letzte ABBA-Single, die in der DDR erschien (Mi.), bekam er in den 80er-Jahren in einem Plattenladen in Adlershof.  Die sowjetischen Ausgaben von „Arrival“ (hier fehlte „Money, Money, Money“ nicht) und „Voulez-Vous“ kaufte er 1989 während einer Georgien-Reise.  Foto: Koch-Klaucke

Verliebt in ABBA müssen auch die DDR-Kulturfunktionäre gewesen sein: Anders ist es nicht zu erklären, dass sie sogar den einzigen politischen Song der vier Schweden, „The Visitors“, problemlos im Radio spielen ließen, in dem es um einen sowjetischen Desidenten geht. Dagegen war den Funktionären „Money, Money, Money“ zu kapitalistisch. Zwar lief er im Radio. Aber als Amiga das ABBA-Album „Arrival“ herausbrachte, wurde der darauf enthaltene Hit gegen einen anderen ausgetauscht. Die LP hieß daher in der DDR „Dancing Queen“.

Insgesamt zwei Langspielplatten und mehrere Singles erschienen. Dennoch waren ABBA-Platten in der DDR Mangelware. Das lag an den Lizenzen, die mit West-Geld bezahlt wurden. Aber Amiga wusste sich zu helfen und brachte einfach den Hit „Gimme, Gimme, Gimme“ mit dem Cantus-Chor heraus. Ob Original oder nachgesungen: Hauptsache es ist ein ABBA-Song, der die Menschen begeistert.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com