Die Olsenbande machte die Ostdeutschen zu Dänemark-Fans. Foto: imago/UnitedArchives

Wozu in die Ferne schweifen, liegt das Gute doch so nah. Mit Goethe kam mir jüngst ein Bekannter, der mir von seinem Urlaub in Sachsen erzählte und schwärmte, wie er auf einem alten Raddampfer auf der Elbe schipperte. Die Ostheimat  zu genießen, wo könnte man das sonst noch auf der Welt, meinte er. „Ich weiß es“, entgegnete ich. „Du wirst es nicht glauben, aber auch im fernen Skandinavien ist der Osten zu Hause!“

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Ich erzählte meinem Bekannten, dass ich in diesem Sommer mit der Familie zum Angeln nach Dänemark fuhr. Er könne sich gar nicht vorstellen, wie oft man dort an die ostdeutsche Heimat erinnert wird, sagte ich. Nicht nur, weil der Käse auf Dänisch „Ost“ heißt.

Kolumnen-Autor Norbert Koch-Klaucke vor dem berühmten Eisenbahnhäuschen aus dem Olsenbande-Film in Gedser. privat

Denn in Dänemark traf ich auf eine ganz besondere Erinnerung aus alten DDR-Tagen. Auf ein in die Jahre gekommenes  Eisenbahnhäuschen, das in Gedser nahe des Anlegers steht, wo die Fähre aus Rostock ankommt. Das schon stillgelegte Stellwerk  spielte im Film „Die Olsenbande stellt die Weichen“ (1975) eine Hauptrolle.

In Dänemark werden Kindheitserinnerungen an den Osten wach

Ich weiß noch, wie ich als Kind in Adlershof ständig ins Kino „Capitol“ rannte, das bei mir gleich um die Ecke lag, um einen Film mit dem liebenswerten dänischen Gauner-Trio Egon, Benny und Kjeld zu sehen. Ich glaube, ich musste damals nur 1,10 DDR-Mark zahlen, ein wahres Schnäppchen, wenn ich an die heutigen Kinopreise denke. Noch immer sehe ich die Olsenbande mit großer Begeisterung, entweder auf DVD oder bei Amazon.

Die Olsenbande, wie wir sie im DDR-Kino oder Fernsehen liebten: Egon (Ove Sprogoe), Kjeld (Paul Bundgaard) und Benny (Morten Grunwald). UCI

Im Internet erfahre ich später, dass das Eisenbahnhäuschen, das die Dänen das „Gelbe Palais“ nennen, eigentlich an einem anderen Ort stand und abgerissen werden sollte. Mit Spenden, auch von ostdeutschen Olsenbanden-Fans, konnte  das Stellwerk gerettet und per Schiff nach Gedser gebracht werden, wo es nun ein Museum ist. „Mächtig gewaltig, Egon“, würde jetzt Benny sagen.

Mächtig gewaltig sind die Dänen, die ich bei meinem Angelurlaub auf der Insel Mön traf. Sie nerven zwar, weil sie selbst am Sonntag ihren Rasen mit großen, stinkenden und vor allem lauten Maschinen mähen. Dafür steckt aber in den Dänen eine gewisse ostdeutsche Tugend.

Sie sind ungeheuer hilfsbereit. Ohne zu zögern bieten sie Fremden unaufgefordert ihre Hilfe an. Als ich mit meiner Frau unser nicht gerade leichtes  Angelschlauchboot auf den Autoanhänger hieven wollte, war sofort ein Däne zur Stelle und packte mit an.

Dänemark ist immer eine Reise wert, nicht nur, um die Meerjungfrau in Kopenhagen zu bestaunen. Wer die Dänen kennenlernt, staunt, dass sie sogar ostdeutsche Tugenden haben. dpa

Von dem Mann erfuhr ich, dass bei den Dänen vor allem die Nachbarschaftshilfe groß geschrieben wird. Da bastelt man gemeinsam am kaputten Auto (oder Rasenmäher), um das Gerät wieder flott zu kriegen. Man hilft sich bei der Gartenarbeit, ist da, wenn die Wohnung eines anderen Hausbewohner renoviert werden muss. Oder man passt auf das Kind der Nachbarn auf, wenn dessen Eltern abends weggehen wollen. Nach getaner Arbeit wird dann auch gerne gemeinsam gefeiert.

Na, so war es doch auch bei vielen Ostberliner Hausgemeinschaften zu DDR-Zeiten, sage ich meinem Bekannten. Der staunt und nickt: Mächtig gewaltig, er wolle sofort ins Olsenbande-Land.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com