Flüchtlinge aus der Ukraine warten vor dem Ankunftszentrum des Landes Berlin. Benjamin Pritzkuleit

Ursprünglich wollte ich an dieser Stelle über ein offenbar mutwillig abgefackeltes Tauschregal schreiben. Es steht wie eine kleine Ruine rauchgeschwärzt in einer Straße in Pankow. Doch nun stehen große Ruinen mitten in Europa – weil es Krieg gibt. Der russische Präsident Wladimir Putin hat seine Armee die Ukraine überfallen lassen und in meinem Kopf taumeln die Gedanken, ungelenk und schwer sortierbar.

Bisher habe ich es in der Russland-Frage oft mit Matthias Platzeck gehalten. Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident und Chef des Deutsch-Russischen Forums hat bis zuletzt unermüdlich gemahnt, man müsse mit Putin reden, seine Ansichten verstehen und seine Argumente ernst nehmen. Der SPD-Politiker Platzeck galt als Putin-Versteher. Und ich verstand Platzeck. Meistens. Jetzt sagt er: „Ich habe mich getäuscht, weil ich das, was jetzt passiert ist, bis vor kurzem noch für undenkbar gehalten habe“. Von Blauäugigkeit spricht er auch und ich muss es ihm gleichtun.

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Fassungslos blicke ich nach Kiew, habe mir nicht vorstellen können, dass mitten in Europa 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges ein Inferno losbricht – entzündet von einem russischen Präsidenten. Das empfinden auch viele in meiner Familie, Freunde und Bekannte so.

In der Schule lernten wir Russisch

Eine Zeit meines Lebens habe ich in einem Land gelebt, in dem sowjetische Garnisonen und Uniformen zum Alltagsbild gehörten. Ein Land, das sich eine „unverbrüchliche Freundschaft“ zur Sowjetunion verordnet hatte. Wir wussten schon damals, dass das eine Phrase war, aber sie hat mich und viele in der DDR Geborene dennoch geprägt. In der Schule lernten wir Russisch, wenn auch vieles davon eingerostet ist, kann ich immer noch das schwierige russische Wort Außenministerium sagen, selbst wenn man mich in tiefer Nacht weckt.

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Die Schulabschlussreise führte meine Mitschüler und mich mit „Jugendtourist“ nach Odessa. Wir tanzten in einer Bar am Schwarzen Meer mit sowjetischen Gleichaltrigen, als gebe es kein Morgen. Das war deutsch-sowjetische Freundschaft nach unserem Geschmack. Wenn wir dann doch irgendwann am nächsten Mittag aufstanden, sahen wir dort erstmals in unserem Leben Palmen und schwammen in einem anderen Meer als der Ostsee.

Über sowjetische Parteiführer wie Leonid Breschnew & Co. machten wir Witze unter dem Motto: „Treffen sich ein Amerikaner, ein Russe und ein DDR-Bürger ...“. Später wurde uns Michail Gorbatschow zum Hoffnungsträger, sein „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ wurde zum geflügelten Wort. Erst brachte es Hoffnung auf eine bessere DDR, am Ende ein neues, ganz anderes Leben.

Auch in diesem neuen Leben blieb mir eine Nähe zum Osten. So besuchte ich in den 2000er Jahren per Schiff Riga und St. Petersburg. Als der US-Dampfer in der russischen Zarenstadt anlegte, spielte ein russisches Militärveteranen-Orchester „New York, New York“. War skurril, aber die Welt schien sowas von in Ordnung.

Trost durch das Gedicht „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“

Dass der russische Präsident Oppositionelle, Journalisten und Homosexuelle hasst, brutal gegen sie vorgeht, konnte auch ich in den Folgejahren nicht überhören. Dennoch blieb mir im Zusammenhang mit Russland ein warmes Gefühl. Wenn sich Beunruhigung einstellte, tröstete ich mich mit dem Gedanken an ein Gedicht des Russen Jewgeni Jewtuschenko. Darin fragt er: „Meinst Du, die Russen wollen Krieg?“.

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Doch nun fließt Blut. Kinder müssen sich in U-Bahn-Stationen vor russischen Bombenangriffen verstecken. Immer mehr Kriegsflüchtlinge kommen nach Berlin. Sie haben Leid, Kummer und Angst im Gepäck. Ich bin froh, dass wir ihnen in Berlin und Brandenburg Obdach und Hilfe bieten.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com