Eine Szene aus „Als Martin vierzehn war“ mit Elfi Mann und Ulrich Balko. Foto: DEFA-Stiftung/Max Teschner

Als ich vor einigen Wochen meine erste Kolumne geschrieben habe, hatte ich auch lobend erwähnt, dass es für jedes noch so nischige TV-Programm ein Publikum gibt. Doch andersherum ist das leider trotz zahlreicher linearer Sender und immer mehr Streaming-Angeboten mitnichten der Fall! Nicht jede Nachfrage wird bedient.

Ist Fernsehen wirklich für alle da?

Da geht es auf der einen Seite um Repräsentanz: So kritisieren verschiedenste marginalisierte Gruppen wie migrantisch gelesene Menschen, Lesben, Schwule, Trans-Personen oder behinderte Menschen über eine fehlende oder zu stereotypisierte Darstellung in Film und Fernsehen. Auch Menschen, die im Osten aufgewachsen sind, sehen sich im TV-Programm nicht immer repräsentiert – und das, obwohl es die Filme, die sie sehen wollen, sogar schon gibt!

So geht es zum Beispiel meinem Hausmeister, einem echten Ost-Berliner, der schon seit vielen Jahren in Friedrichshain wohnt. Wenn wir uns im Treppenhaus treffen, reden wir meistens über Fußball: Vor allem über den 1. FC Union, aber auch über den FC Bayern und darüber, wo man die Spiele in dieser Saison wieder schauen oder nicht schauen kann.

Irgendwann sprachen wir dann über meine Kolumne – und darüber, dass er auch gerne mal etwas anderes sehen würde. „Die Filme von früher aus Babelsberg“, sagte er. Die seien so schön gewesen und heute würde sie niemand mehr zeigen.

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Als ich ihn nach Titeln von Filmen frage, die er gerne einmal wieder sehen würde, habe ich quasi den Beweis: Sowohl von „Als Martin vierzehn war“ als auch von „Fünf Patronenhülsen“ habe ich noch nie etwas gehört. Zwar kenne ich diverse Märchenverfilmungen der DEFA wie „Die Geschichte vom kleinen Muck“, „Die goldene Gans“ und natürlich auch den „Froschkönig“. Doch für die Filme, die mein Hausmeister sehen will, musste ich mich erstmal belesen.

Ulrich Balko als Martin und Erik Veldre als Karl im Defa-Film „Als Martin vierzehn war“. DEFA-Stiftung/Max Teschner

Sie wissen es vielleicht: „Als Martin vierzehn war“ von 1964 erzählt die Geschichte eines Jugendlichen aus Mecklenburg im März 1920, der sich gemeinsam mit Arbeitern aus seinem Ort gegen den rechtsnationalen Kapp-Putsch stellt. Der Jugendfilm wurde 1966 beim Internationalen Kinder- und Jugend-Festival in Cannes prämiert. Im Westen – und auch im geeinten Deutschland – spielte er keine Rolle.

Auch der Defa-Film „Fünf Patronenhülsen“ wird kaum gezeigt

Ähnlich erging es dem Bürgerkriegsdrama „Fünf Patronenhülsen“, das die Geschichte von sechs kommunistischen Milizionären der Internationalen Brigaden zur Zeit des Spanischen Bürgerkrieges erzählt. Hier spielten Defa-Größen wie Erwin Geschonneck, Armin Müller-Stahl und Manfred Krug mit. Laut dem Lexikon des internationalen Films war es ein „handwerklich ungewöhnlich sorgfältig gearbeitetes Bürgerkriegsdrama“ und hatte im Westen keine Chance. Dort passte es nicht zur kapitalistischen Ideologie, Heldengeschichten von Kommunisten zu erzählen. Man hatte andere, die man lieber weitergeben wollte.

Da die Bundesrepublik die DDR bei der Wiedervereinigung schlicht überrollte, Erinnerungen, Kunst und persönliche Erlebnisse für schlecht und nichtig erklärte, brach danach auch keine bessere Zeit an. Laut der Datenbank von fernsehserien.de wurde „Fünf Patronenhülsen“ nach der Wiedervereinigung immerhin sieben Mal gezeigt. Zuletzt am 27. Dezember 2006 um 23.20 Uhr. Auch der preisgekrönte Klassiker „Berlin – Ecke Schönhauser“ ist nichts weiter als Füllmaterial. Zuletzt lief er in diesem Mai um 1.10 Uhr im RBB.

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Wer wie mein Hausmeister alte Defa-Filme schauen will, muss unter Schlafstörungen leiden, Geld in die Hand nehmen oder sich mit den 25 Sendeterminen von „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ zufriedengeben. Keine der Varianten klingt wirklich verlockend.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens. Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.