So sah man vom Foyer aus auf das DDR-Wappen an der Fassade des Palastes der Republik. Foto: Imago/Jürgen Ritter

Neulich ist es passiert. Da fiel dieser blödsinnige Satz, als ich mit meinem Sohn in Potsdam in einer großen Menschenmenge vor einem Eisladen wartete: „Das ist ja wie früher in der DDR!“

Natürlich war der Satz ein Scherz. Erinnerte mich doch die Situation an meine Kindheit im Osten Berlins, wo ich in Adlershof in einer riesigen Schlange vor einem Eisladen auf die köstliche Leckerei warten musste. Das war nun einmal so. Immer wenn es in der DDR in den Läden etwas ganz Besonderes gab, bildeten sich Menschenschlangen.

Mein 16-jähriger Sprössling fand meinen Gedankengang in die Vergangenheit etwas daneben. Ernsthaft fragte er mich: „Muss man denn immer, wenn man im Osten ist, gleich an die DDR zurückdenken? Das alles ist doch längst Geschichte. Oder fandst du diesen Staat, der seine Menschen mit einer Mauer einsperrte, so toll?“

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Nein, fand ich nicht. Und ich will auch die DDR mit ihrer  SED-Diktatur nicht zurückhaben. Doch warum soll man sich heute nicht daran erinnern, wie es damals in der DDR war? Und nicht nur an die schlechten Seiten, mit Stasi oder Mauer, Stacheldraht und Todestreifen, an dem unzählige Menschen ihr Leben ließen.

DDR-Erinnerungen: Es war wirklich nicht alles schlecht

Das darf und sollte man auch nie vergessen! Genauso muss man aber auch an die Seiten der DDR erinnern, die das Leben und das Gefühl der Menschen noch immer prägen, deren Heimat und Zuhause der Osten ist – zwischen Rügen und Erzgebirge, und Berlin mittendrin.

In DDR-Museen wie in Eisenhüttenstadt wird an den Allteg im Osten des Landes erinnert. Das Moped Schwalbe ist auch heute noch Kult. Foto: Imago

Dazu gehören für mich zum Beispiel die Rock-Songs der DDR, die ich für mich gerade wieder neu entdecke. Wunderbare Lieder von Karat, City oder Silly, die in ihrer feinen Sprache ausdrücken, wie die Menschen einst im Osten lebten, liebten, und gegen Widrigkeiten kämpften. Oder ich bin erstaunt, wie gut die Kino-Filme im Osten waren, die ich mir in den Mediatheken der ARD-Sender anlässlich des 70. Geburtstages der Defa ansah. Sogar bei Amazon findet man Klassiker wie die Indianerfilme mit Gojko Mitic.

Sicher ist es richtig, wenn junge Leute, wie mein Sohn, nach vorne schauen und erklären, dass mit der DDR ist längst Geschichte und damit abgehakt. Doch wer die Zukunft meistern will, muss auch die Vergangenheit kennen. Daher ist es meiner Meinung nach nicht verkehrt, wenn man heute vom Osten spricht und sich dabei wieder an die DDR erinnert.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com