Fahrradfahrer radeln auf der Ossietzkystraße in Berlin-Pankow. Foto: dpa

Polizeimeldung: Bei einem Verkehrsunfall wurde ein Radfahrer in Pankow schwer verletzt. Ein 60-Jähriger fuhr gegen 16.15 Uhr mit seinem Wagen in der Ossietzkystraße vom Fahrbahnrand an und kollidierte mit dem 19-Jährigen, der in Richtung Majakowskiring unterwegs war. Nach dem Zusammenstoß war der Radfahrer kurzzeitig nicht ansprechbar, wurde notärztlich behandelt.

Vor einigen Tagen schrieb meine Kollegin Claudia Pietsch über den täglichen Wahnsinn in einer Fahrradstraße. Auch im Internet gab es rege Diskussionen über Sinn und Unsinn einer solchen Einrichtung. Auch ich bin regelmäßig auf der Pankower Ossietzkystraße unterwegs und zwar in verschiedenen Funktionen. Erstens als Radfahrer in einer Fahrradstraße. Zweitens als Anwohnerin mit dem Auto. Drittens als Fußgängerin, gern mit Kindern an der Hand.

In allen drei Funktionen fühle mich zu Stoßzeiten auf der Straße selten wohl.

Schleichende Autos nerven Radfahrer, rasende ebenso

Als Radlerin nerven mich die Autos, die entweder langsam schleichen und mich ausbremsen oder an mir vorbei rauschen. Ich fahre dann manchmal demonstrativ etwas mittiger als nötig. Eine kleine eigensinnige Demonstration von Bockigkeit, die mir im Nachhinein peinlich ist. Andere Radfahrer sind da weniger zimperlich, sie nehmen die Straße und manchmal auch den Bürgersteig selbstbewusst in Beschlag, brüllen Autofahrer an, Klingeln wild. Andere – Mütter meist – müssen ihre Zöglinge auf wackeligen Rädern ausgerechnet hier und zur Rushhour an den Berliner Straßenverkehr gewöhnen. Unnötig fahrlässig, finde ich. Von den E-Rollerfahrern und mittelalten Skateboard-Männern ganz zu schweigen.

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Autofahrer werden in der Fahrradstraße verachtet 

Als Autofahrerin schleiche ich über die Piste und verhalte mich defensiv. Die Autos mit OHV-Kennzeichen, die durch die Fahrradstraße abkürzen, verachte ich als eine, die hier wohnt, ebenso, wie die Radler wahrscheinlich mich in meinem Auto. Den regen Lieferverkehr für ein Altersheim in der Nähe, Paketboten, Müllabfuhr, Kitabring-Dienste, Bau-LKW nehmen wir alle missbilligend zur Kenntnis.

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Als Fußgänger muss man beim Queren Autos wie Radler fürchten. Da nehmen sich beide nix. Nur selten wird man übern Damm gelassen. Was folgt aus diesem Dilemma: Mir drängt sich der Eindruck auf, dass eine Fahrradstraße in einem Gebiet mit Einzelhandel, Seniorenwohnen, Ausflugspark, Bundesakademie, hoher SUV-Dichte im Majakowskiring, Kita und weiteren Einrichtungen vielleicht doch keine so gut e Idee ist. In einem reinen Wohngebiet kann das schon eher funktionieren.

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Fahrradstraße nötig allen Kompromisse ab

Weil er nun aber da ist, der Radhighway sind Kompromisse nötig. Alle Beteiligten tun gut daran, sich in die jeweils anderen Verkehrsteilnehmer hineinzuversetzen und peinliche Bockigkeiten spätestens beim Einbiegen in dieses städtebauliche Experimentierfeld ganz tief im Handschuhfach/ Radtasche/ Rucksack zu verstauen. Demonstrative Höflichkeit kann man trainieren. Ich fange morgen an.

Stefanie Hildebrandt schreibt  regelmäßig im KURIER über  Berlins Kieze.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com