Ein Obdachloser sitzt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter der S-Bahn-Brücke Charlottenburg. 
Ein Obdachloser sitzt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt unter der S-Bahn-Brücke Charlottenburg.  Fabian Sommer/dpa

Bis vor etwa zwei Wochen war sie bei uns im Pankower Kiez täglich auf dem kalten Bürgersteig zu sehen. Eine Frau, die schon länger in der Gegend lebt, irgendwo auf der Straße. Meist gehen die Menschen achtlos an ihr vorbei, manchmal bückt sich jemand, um eine Münze zu vergeben.

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Die Frau ist keine dieser netten Obdachlosen, sie wirkt mürrisch, fahrig, verrückt. Ihre wilden Augen unter dem Kopftuch und die Worte in einer fremden Sprache, die sie manchmal kehlig spricht, machen mich beklommen. Ich habe mich daran gewöhnt, schnell weiter zu gehen. 

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Bei Frost auf der Straße 

Als es das erste Mal so richtig kalt wurde in der Nacht, habe ich die Frau am Morgen in einem zugigen Durchgang auf dem Boden liegen sehen. Dürftig zugedeckt, es hatte den ersten Frost gegeben. Die Schulkinder, die an ihr vorbei in die Schule gingen, erschraken.

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Auf dem Heimweg war ihr Lager leer. Doch am nächsten kalten Tag schlief sie wieder an der alten Stelle. Jemand hatte eine Isomatte und einen Schlafsack gebracht, auch eine goldene Isofolie. 

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Seit einigen Tagen nun ist die Frau mit den löchrigen Latschen nicht wieder aufgetaucht. Ich hoffe, sie hat für den Winter einen Platz gefunden, an dem sie sicher ist. Ich habe mich über mich selbst geärgert. Warum habe ich ihr nicht den heißen Tee hingestellt, etwas zu essen gekauft, damit ihr Tag ein bisschen leichter wird? Warum muss es erst richtig kalt werden, damit das Mitleid durch den Panzer, den wir manchmal um unser Herz gebaut haben, dringt? Warum nehmen wir uns viel zu oft vor, zu helfen und die Augen vor dem Leid da draußen nicht zu verschließen? Und gehen dann doch vorüber? 

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Ein Obdachloser hält einen Becher Tee in der Hand. 
Ein Obdachloser hält einen Becher Tee in der Hand.  Christophe Gateau/dpa

Der gute Vorsatz in der warmen Küche ist nichts wert, wenn er nicht irgendwann auf der Straße zur Tat wird. Gerade jetzt, wo die Eis-Nächte die Straßen im Klammergriff haben, müssen wir aufeinander aufpassen.  Zwischen 50 und 70 Menschen hilft der Kältebus der Stadtmission gerade jeden Abend. Doch nicht alle Hilfsbedürftigen finden noch einen warmen Schlafplatz. 

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In diesem Jahr ist die Not noch größer 

Die Berliner Notunterkünfte sind voll, an den Hilfsstellen fehlt Personal. In diesem Jahr wird noch mehr Hilfe benötigt als sonst: „Wir sehen einfach, dass die Not wächst. Das sind zum Beispiel auch Rentner und Rentnerinnen mit einer kleinen Rente. Bei unserem Seniorenfrühstück müssen wir mittlerweile Menschen wegschicken, weil immer mehr kommen, als wir aufnehmen können“, sagt Barbara Breuer, die Sprecherin der Stadtmission.  Auch der Bedarf an Ehrenamtlichen sei momentan groß. Alleine für die Kältehilfe werden momentan sechs neue Kräfte gesucht.

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Ich habe jetzt immer Münzen in meiner Tasche. Je kälter es auf der Straße wird, desto öfter will ich geben.

Telefonnummern der Kältehilfe Berlin 

Wichtige Telefonnummern
Wenn die betroffene Person Hilfe annimmt, rufen Sie zum Beispiel einen Wärme- oder Kältebus:

Kältebus der Stadtmission: 030 690 333 690 (täglich 20:00 – 02:00 Uhr)
DRK-Wärmebus: 030 600 300 1010 (täglich 18:00 – 24:00 Uhr)

KARUNA Sub – Buslinie für obdachlose Menschen
Tel.: 0157 86 60 50 80
ganzjährig Mo-Fr von 08.00 bis 16.00 Uhr

Kältehilfetelefon: 030 34 39 71 40 (täglich 19:00 – 23:00 Uhr)
Hilfe-Hotline für obdachlose Menschen: 0157 80 59 78 70 (Mo. – Fr. 9:00 – 17:00 Uhr)

Wenn der Mensch hilflos wirkt, nicht ansprechbar ist oder sich in einer anderen akuten gesundheitlichen Gefahrensituation befindet, rufen Sie den Rettungsdienst: 112

Diese Liste zählt Notunterkünfte und Nachtcafés in Berlin auf.

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER Geschichten aus dem Kiez . 

Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com