Johnny Depp vor dem Gericht in Fairfax. Imago/ZUMAPress

Ich beginne diese Kolumne mal wieder mit einem Outing: Ich war viele Jahre ein wirklich großer Fan von Johnny Depp. Mir gefiel sein Schauspiel, seine Mimik, seine Gestik und auch die Auswahl seiner Rollen.

Düster und tragikomisch in „Edward mit den Scherenhänden“, impulsiv und rachsüchtig in „Sweeny Todd“, immer etwas neben sich in der Rolle seines Freundes Hunter S. Thompson in „Fear an Loathing in Las Vegas“ und natürlich als immer betrunkener Pirat Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“.

Johnny Depps schlimmste Rolle ist er selbst

Doch seit einigen Jahren spielt Johnny Depp vor allem eine Rolle: Sich selbst als aufgeschwemmter (Ex-?)Junkie, der mit seiner Ex-Frau durch die Gerichte tingelt, um seine toxische Beziehung in der Öffentlichkeit breitzutreten, um in der Hoffnung auf althergebrachte gesellschaftliche Mechanismen irgendwie doch noch als Sieger aus der Sache herauszukommen.

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Es ist schwer zu sagen, was genau in der Beziehung zwischen Johnny Depp und Amber Heard abgegangen ist. Sicher ist nur, dass verdammt viel falsch gelaufen ist. Heard hat bis heute psychische Probleme, Depp kämpft immer wieder mit Drogen und Alkohol. Mehrfach rückte die Polizei bei den beiden an. Es ging um Beleidigung, (sexuelle) Misshandlung, Körperverletzung. Beide werfen sich gegenseitig verschiedene Delikte vor – und es auf die Zerstörung der Karriere des anderen abgesehen haben.

Bei allen Mitschnitten, Fotos, Aussagen und Vorwürfen, fällt es schwer zu glauben, dass einer der beiden völlig schuldlos an dem Drama, dass nun schon zum zweiten Mal ein Gericht beschäftigt, sein soll. Doch das – und hier beginnt mein Problem – scheint Johnny Depp offenbar völlig anders zu sehen.

Johnny Depp fühlt sich im Prozess sehr sicher

Denn seine Auftritte vor dem Gericht in Fairfax machen mich sprachlos. Johnny Depp wirkt dort für all das, was bekannt ist, selbstsicher. Er reißt Witze, scheint über die schlimmen Vorwürfe zu lachen. Und das scheint eben zur Strategie seiner Anwälte zu passen. Denn die versuchen derzeit vor allem eines: Johnny Depp als Opfer der notorischen Lügnerin Amber Heard darzustellen, die es erst auf sein Geld und nun auf seine Karriere abgesehen hat.

Es scheint tatsächlich, als würden Johnny Depp und seine Anwälte eine Welle reiten, die in den letzten Jahrhunderten immer wieder erfolgreich gewesen ist. Unbequeme Frauen sollen als „hysterisch“ abgestempelt werden, die Männern schlicht ihre Karriere kaputtmachen wollen.

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Amber Heard und Johnny Depp gaben beide an, Verletzungen aus der Beziehung davongetragen zu haben AP/London High Court

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Im 19. Jahrhundert kamen „hysterische“ Frauen gleich in die nächste Psyhiatrie. Obwohl es für das Krankheitsbild keine einheitlichen Symptome gab, schien allen beteiligten klar, dass es sich hier um eine Frauenkrankheit handele, die die Wankelmütigkeit und Unglaubwürdigkeit des weiblichen Geschlechtes unterstreiche. „Die Hysterie ist eine organische Krisis der organischen Verlogenheit des Weibes“, schrieb noch 1903 der Philosoph Otto Weininger.

Johnny Depp: So funktioniert seine frauenfeindliche Strategie

Im Verlaufe seines Jahrhunderts wurden Frauen zwar nicht mehr in so großem Stil wie zuvor in Psychiatrien weggesperrt, doch der Stempel, der sich zuvor in den Köpfen festgesetzt hatte blieb: Frauen lügen, Frauen übertreiben. Dieser Gedanke ist die Grundlage dafür, dass bei Vorwürfen von Vergewaltigung oder anderer Misshandlung zunächst einmal den Unschuldsbeteuerungen des Mannes und nicht den Vorwürfen der Frau geglaubt wird. Und das obwohl die Statistik zeigt, dass nur ein Bruchteil der Anzeigen wegen sexueller Übergriffe aus der Luft gegriffen sind.

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Diese Taktik scheinen nun der immer wieder Witze reißende Johnny Depp und seine Anwälte gewählt zu haben. Sie wollen Amber Heard lächerlich und unglaubwürdig aussehen lassen. Was in der Beziehung genau abgelaufen ist, kann ich nicht bewerten, die Strategie im Gerichtssaal hingegen schon. Und sie ist widerlich. Meine einstigen Lieblingsfilme mit Johnny Depp habe ich bereits seit Jahren nicht gesehen.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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