Ist Unpünktlichkeit eine Lappalie – oder einfach nur respektlos und arrogant?

Sind Sie ab und zu mal unpünktlich? Die Eigenschaft löst oft negative Reaktionen aus. Vom Umgang mit Lebenszeit oder die Höflichkeit der Könige

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Unpünktlichkeit ist eine Eigenschaft, die vielen gar nicht gefällt.
Unpünktlichkeit ist eine Eigenschaft, die vielen gar nicht gefällt.Westend61/imago

Liebe Leserin und lieber Leser,

um es gleich mal vorweg zu sagen: Diese Kolumne habe ich leider auch nicht zum verabredeten Termin fertig geschrieben. Ich habe es  mal wieder zeitlich einfach nicht auf die Reihe gekriegt. Meine Kollegen mussten gezwungenermaßen ihre Arbeit unterbrechen. Da fühlt man sich auch als „Täter“ ziemlich mies!

Aber haben Sie auch Freunde oder Kollegen, die sich notorisch verspäten? Die Begründungen reichen dann von der ausgefallenen S-Bahn über ganz dringende Telefonate bis hin zur eilig geschriebenen Nachricht: „Sorry, komme 10 Minuten später“, was meist dafür steht, dass es mehr als zehn Minuten werden.

Ich erinnere mich an einen Kollegen, der meinte, dass Pünktlichkeit ein Zeichen für eigene Bedeutungslosigkeit sei. Sein Satz: „Wer pünktlich ist, hat zu wenig zu tun“ treibt mir heute noch die Zornesfalten auf die Stirn, auch wenn ich diesen Menschen längst aus den Augen verloren habe.

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Pünktlichkeit als Zeichen für eigene Bedeutungslosigkeit?

Zunehmend merke ich, wie mich Unpünktlichkeit nervt – im Beruf und privat. Schließlich habe ich mich beeilt, pünktlich zu sein, meinen Tag strukturiert, Prioritäten gesetzt. Kommen unpünktliche Menschen eigentlich auch beim Vorstellungsgespräch oder erstem Date zu spät? Sicher nicht. Ist also meiner Verabredung unser Termin nicht wirklich wichtig?

Senior man checking time holding disposable drink cup model released, Symbolfoto, VSNF00403
Senior man checking time holding disposable drink cup model released, Symbolfoto, VSNF00403 Westend61/imago

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Natürlich gehört es zum Alltagsleben, dass man sich aus den verschiedensten Gründen verspätet. Aber es gibt eben auch die Menschen, bei denen das chronisch wird. Das ist respektlos und arrogant, denn die- oder derjenige verschwenden MEINE Lebenszeit, mit der ich sorgsam umgehe, denn ich weiß um ihre Kostbarkeit.

Meist habe ich eine Zeitung, Zeitschrift oder ein Buch einstecken, sodass ich die Wartezeit zum Lesen nutzen kann. Oder ich beantworte Nachrichten, höre Musik. So werde ich wenigstens nicht wütend über die vertane Zeit. Zu spät kommen, ist kein Phänomen der Gegenwart, denn das Sprichwort „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige" geht auf einen Ausspruch des französischen Königs Ludwig XVIII. im Jahre 1820 zurück.

Pünktlichkeit verbinden wir mit Höflichkeit und Zuverlässigkeit

Der mahnende Satz von Michail Gorbatschow bei seinem Besuch zu den  Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR-Staatsgründung am 6. und 7. Oktober 1989 „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ ging in die Geschichtsbücher und längst auch in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Und noch ein Sprichwort: „Fünf Minuten vor der Zeit ist des Deutschen Pünktlichkeit", sagt der Volksmund. Es hat also eine lange Tradition, dass wir Pünktlichkeit wertschätzen und sie mit Höflichkeit und Zuverlässigkeit verbinden.

Wie gehe ich mit unpünktlichen Zeitgenossen um? Ich denke, es ist eine gute Idee, zu sagen, warum mich das nervt. Vielleicht merkt mein Gegenüber ja gar nicht, was sein Verhalten auslöst. So beuge ich zudem weiteren Unpünktlichkeits-Attacken vor.

Sich mal verspäten? Natürlich, dass kann das vorkommen. An dieser Stelle widerstehe ich der Versuchung, noch etwas über die Pünktlichkeitsstatistiken der Deutschen Bahn zu schreiben … Aber wiederholt oder gar chronisch Unpünktlichkeit bei Freunden und Kollegen? Das lasse ich nicht mehr unkommentiert zu.

Ihre Sabine Stickforth

KURIER-Autorin Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag über das Leben über 50 in Berlin.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com