Ein Orient-Express machte am 4. Juni 2016 Station am Berliner Hauptbahnhof. Er verspricht luxuriöses Reisen. Gibt es das bald auch im Berliner Nahverkehr? 
Ein Orient-Express machte am 4. Juni 2016 Station am Berliner Hauptbahnhof. Er verspricht luxuriöses Reisen. Gibt es das bald auch im Berliner Nahverkehr?  imago/Hohlfeld

Erst dachte ich, es sei plötzlich Sommerloch. Also diese nachrichtenarme Zeit, in der spinnerten Ideen liebend gern zugehört wird. Sie kommen meist von Hinterbänklern im Parlament, die sonst nicht allzu viel zu melden haben. Doch inzwischen ist klar, dass es tatsächlich  eine seriöse Studie ist, die Berliner S-Bahn und BVG empfiehlt,  1.-Klasse-Abteile einzuführen. 

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Erarbeitet wurde das Papier im Auftrag des Weltwirtschaftsforums WEF mit Sitz in der Schweiz unter Leitung der Boston Consulting Group  und der Universität St. Gallen. Die Studie rät unseren Verkehrsunternehmen eine Luxus-Klasse einzuführen, um mehr Gutbetuchte anzulocken. Sie sollen die Öffis nehmen, statt mit ihren Wagen die Straßen zu verstopfen.  Und für ihre Separees in den Bahnen sollen sie teuer bezahlen, was dann wiederum die Tickets für die Ärmeren wieder erschwinglicher macht. 

Öffis mit gepflegtem Ambiente

Die BVG hat leider längst abgewunken, sie hat wohl andere Probleme. Doch meine anfänglichen Vorbehalte legten sich schnell. Was soll falsch daran sein, wenn man auch mit U- und S-Bahn in gepflegtem Ambiente zur Arbeit, ins Theater oder im Sommer an einen See gebracht wird? Dann aber für alle, finde ich. Es wird sich doch wohl ein Institut finden lassen, das uns eine Studie anfertigt, wonach man das sehr wohl bezahlen kann. Da hat sich Berlin doch schon ganz andere Dinge geleistet.  

Dann verheddere ich mich etwas in Tagträumereien. Ein Inbegriff für feines Reisen war der legendäre Orient-Express. Wer hat nicht schon in den zahlreichen Verfilmungen von "Mord im Orientexpress" neben der Kombinationsgabe von Detektiv Hercule Poirot Ausstattung, Eleganz und Service in diesem Luxus-Zug bewundert. 

Erst kommt in der S-Bahn der Schaffner, danach der Kellner

So ähnlich stelle ich mir künftig auch bei uns in Berlin vor: Am Bahnsteig begrüßt mich ein Schaffner, reicht mir beim Einsteigen in die Bahn die Hand und geleitet mich an meinen Platz. Zuvor fragt er natürlich, ob mir das Reisen in Fahrtrichtung angenehm sei. Kaum hat er sich diskret entfernt, erscheint ein livrierter Kellner und erkundet mein Begehr. Am Morgen wähle ich einen Milchkaffee, an dem ein oder anderen Abend lasse ich mich zu einem Glas Champagner überreden. Nähert sich der Zug meiner gewünschten Station werde ich vom Schaffner leise darauf hingewiesen. Erholt, wie nach einem Spa-Besuch, erreiche ich mein Ziel.   

Menschen drängen sich an einer überfüllten S-Bahn am Bahnhof Friedrichstraße. 
Menschen drängen sich an einer überfüllten S-Bahn am Bahnhof Friedrichstraße.  imago/Pemax

Nie mehr würde man angeraunzt: "Kannste nich uffpassen, wo de hinlatschst?".  Auch rempelnde, großmäulig telefonierende oder vor sich hin müffelnde Fahrgäste gehörten der Vergangenheit an. Und weil's sooo schön ist in der Bahn, hat keiner mehr Lust, ein Auto zu nehmen. Auf den Straßen spielen Kinder und der Nebeneffekt des Ganzen: Die Laune in der Stadt würde merklich steigen.  

Als ich einmal von Berlin nach Kamp-Bornhofen in Rheinland-Pfalz unterwegs war, hatte ich bei der Deutschen Bahn ein Ticket 1. Klasse gebucht. In Wiesbaden, beim Umstieg in die Rheingau-Linie, staunte ich über den aparten Zug. Und weil er überall so sauber und einladend aussah, vergaßen mein Reisebegleiter und ich doch glatt in das 1.-Klasse-Abteil einzusteigen. So stelle ich es mir auch in Berlin vor. Für alle. Egal ob in der 1. oder 2. Klasse. 

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com