Eltern kommen mit ihrem Kind in eine Arztpraxis zur Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, die in der DDR Pflicht war. Imago

Muss denn wirklich alles schlecht sein, was aus dem Osten kommt? Diese Frage stellt sich gerade bei mir aufgrund der heftigen Diskussion um die Impfpflicht, die uns in der fortschreitenden Corona-Pandemie seitens der Politik droht. Denn es wurmt mich, wie nun so mancher Kritiker und Impfgegner mit der Impfpflicht in der DDR als schlechtes Beispiel um die Ecke kommt, um vor den Gefahren eines staatlich verordneten Corona-Pflichtpiks  zu warnen, der möglicherweise die Gesundheit von uns allen schützen könnte.

Sicher, jede medizinische Behandlungen hat Risiken und Nebenwirkungen. Dass ist bei einer Tablette gegen Kopfschmerzen genauso der Fall, die wir alle so selbstverständlich einwerfen, wie bei einer Impfung, gegen die sich so manche in diesem Land wehren. 

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Als ein in den 60er Jahren im Osten Berlins Geborener musste ich, wie andere auch, die DDR-Impfpflicht als Kind in vollen Zügen genießen. Da gab es Pikse gegen Masern, Kinderlähmung, Wundstarrkrampf, Pocken oder Keuchhusten. Sie waren nicht angenehm, aber sie haben geholfen, dass ich diese schweren Krankheiten nicht bekam. Und einen dritten Arm und einen zweiten Kopf habe ich dadurch auch nicht bekommen.

Was war an der DDR-Impfpflicht eigentlich so schlimm?

Was war also an der DDR-Impfpflicht so schlimm, die im Grunde nur der Gesundheitsvorsorge diente? Tatsache war, dass ein diktatorischer Staat sie seinen Bürgern per Gesetz gegen Androhung einer Geldstrafe von bis zu 500 DDR-Mark verordnet hatte, aus Furcht, Krankheiten wie Masern, Poken oder Kinderlähmung könnten sich massenhaft ausbreiten.

Reihenuntersuchung in einer DDR-Kinderklinik: Die Gesundheitsvorsorge hatte höchste Priorität, zu der auch die Impfpflicht gehörte.  Imago

Anzuprangern wäre, dass die DDR-Führung mit der Impfpflicht wunderbar die Überlegenheit des Sozialismus gegenüber dem Westen propagieren konnte. Etwa bei der Kinderlähmung, die Anfang der 60er Jahre noch in der Bundesrepublik massenhaft verbreitet war. Anders als in der DDR geschahen Impfungen nur auf freiwilliger Basis. Eine Impfpflicht im Westen gab es nur im Kampf gegen die Pocken.

Statt die Impfpflicht heute als wichtiges Instrument anzusehen, die die Corona-Pandemie eindämmen könnte, wird sie in der jetzigen Krise von Experten und Möchtegernexperten wieder als Klassenkampfthema missbraucht. Vor allem mit dem Fingerzeig auf die Ostdeutschen.

Was hat die DDR-Impfpflicht mit den Impfgegnern im Osten zu tun?

Warum gibt es unter ihnen so viele Impfgegner? Da kann die Impfpflicht in der DDR gar nicht so erfolgreich gewesen sein, höre und lese ich immer wieder. Diese Impfpflicht sei sogar der Grund, warum sich viele Sachsen oder Thüringer nun gegen Corona nicht impfen lassen wollen. Was für ein Blödsinn! Schaut man sich die Zahlen genau an, stellt man schnell fest, dass es auch in Bayern oder Baden-Württemberg viele Impfgegner gibt, die gar nicht unter einer DDR-Impfpflicht leiden konnten.

Ein kleiner Piks, der Leben retten kann: Die Stimmen nach einer Impfpflicht werden lauter.  Volkmar Otto

Ja, ich bin für eine Corona-Impfpflicht (mit Ausnahme derer, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können). Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich in der DDR aufgewachsen bin. Man sollte sich bitte daran erinnern, dass wir im geeinten Deutschland seit einiger Zeit eine Impfpflicht haben, mit der wir die Masern bekämpfen müssen, die in der DDR bereits durch den Pflichtpiks besiegt wurden.

Statt Debatten zu führen, muss aufgeklärt werden, um den Menschen die Angst zu nehmen. Das Impfen ist derzeit die einzige wirksame Waffe im Kampf gegen Corona. Wir sollten nicht Angst vor der Spritze sondern vor dem gefährlichen und tödlichen Virus haben.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com