Ein Vater mit seinen Söhnen versucht an einem Brandenburger Angelteich sein Fangglück: Angeln im Osten Deutschlands ist bei Alt und Jung sehr beliebt. Foto: imago

Wissen Sie, sogar an diesen nasskalten und grauen Tagen bin ich oft der glücklichste Mensch auf der Welt. Immer dann, wenn ich mit meinem Angelzeug unterwegs bin, am Gewässer die Stille der Natur genieße und so von den Alltagssorgen und Alltagsstress abschalten kann.

Allerdings hat die Sache einen Haken. Denn den brauche ich, wenn das Anglerglück perfekt sein soll. Gerade jetzt stehen die Chancen gut, Hechte zu fangen, die sich derzeit auf jeden Happen stürzen, weil sie sich Fettvorräte für den Winter anfressen. Nichts geht doch über einen selbstgefangenen Fisch, der dann abends frisch zubereitet auf dem Tisch landet.

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Mit diesem Gefühl bin ich nicht allein. Immer mehr Menschen trifft man an den Flüssen und Seen in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern, die dort wie ich ihr Glück versuchen und finden. Es scheint, als wäre man im Osten dieses Landes total angelverrückt. Und das schon seit langem.

Kolumnen-Autor Norbert Koch-Klaucke angelt seit Jahren im Osten Deutschlands, am liebsten Hecht.  Koch-Klaucke

Ein Indiz dafür fand ich gerade in einem alten Zeitungsartikel, in dem es um den DDR-Sport ging. Sie werden es nicht glauben, was ich da las: In der einstigen Sportnation DDR waren nicht Schwimmer, Ruderer  oder Leichtathleten die Erfolgreichsten, sondern die Angler!

In der DDR holten Turnierangler insgesamt 123 Weltmeistertitel

Im sogenannten Turnierwettkampf „Casting“, bei dem allerdings keine Fische gefangen werden, sondern die Teilnehmer ihre Angelrute auswerfen, um mit einem Sieben-Gramm-Gewicht präzise ein vorgegebenes Ziel zu treffen. Über 7.000 solcher Turnierangler gab es in der DDR. Und sie fingen insgesamt 123 Mal Weltmeistergold (!) bei den internationalen Wettkämpfen. Laut dem alten Zeitungsbericht schaffte die DDR so viele WM-Titel bei keiner anderen Sportart.

An dieser Tradition will man offenbar im Osten wieder anknüpfen. Und so sah man jüngst auf der Berliner Angelmesse wieder einige Casting-Angler aus der Region, die dort ihren Sport zeigten und für ihn warben.

Das sogenannte Casting-Angeln: Ein Junge wirft auf einem Brandenburger Sportplatz seine Rute aus, um mit einem Mini-Gewicht das vorgegebene Ziel zu treffen. Die DDR-Turnierangler gehörten zur Weltspitze. Landesanglerverband Brandenburg

Anglerverrückter Osten: Viel Angelgerät kommt aus unserer Heimat

In den Messehallen unter dem Funkturm bemerkte ich aber auch ein weiteres Indiz, dass der Osten angelverrückt ist, wenn es um den echten Fischfang geht. Denn gefühlt kamen die meisten Aussteller der Angelmesse kamen aus unserer Heimat. Zu ihren Stars gehört der Berliner Zander-Spezialist Sebastian Hänel, der nicht nur Petrijünger auf den ostdeutschen Gewässern zu ihrem Fangglück führt und für führende Branchenmagazinen schreibt, sondern auch mit seiner Firma „Zanderkant“ unter Experten gefragtes Angelgerät vertreibt.

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Auf der Berliner Anglermesse wurden diese Köder präsentiert, die eine Manufaktur in Nauen herstellt. Messe Berlin

Und die speziellen Kunstköder kommen mittlerweile auch nicht mehr nur aus Fernost. In Nauen haben zwei junge Angler eine Manufaktur, die sich auf die Fertigung von Fischimitaten aus Kunststoff spezialisiert haben.

Allein in Berlin und Brandenburg sind über 94.000 Berliner und Brandenburger in 1400 Angel-Vereinen organisiert. Man merkt, die Angelszene im Osten wächst – auch fern der Heimat. So treffe ich stets Petrijünger aus der Hauptstadtregion, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen oder Thüringen an den Angelteichen in Dänemark oder beim Dorschfangen in den Fjorden Norwegens. Wie gesagt: Der Osten ist angelverrückt.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com