Eine Frau zappt im Fernsehen herum. Dank zahlreicher Streaming-Anbieter machen das aber immer weniger Menschen. Imago/Westend61

Jeder Mensch hat andere Fernsehgewohnheiten. Der eine sitzt halbwegs aufrecht im Sessel, die ändere fläzt auf dem Sofa. Einige schauen nebenbei auf ihr Handy, die anderen gebannt auf den Bildschirm. Manche Menschen knabbern Gurken und Paprika, die anderen Chips - und dann gibt es seit einiger Zeit noch die wichtigste Entscheidung: Einige schauen lineares Fernsehen, die anderen beim Streaming-Anbieter. Ich gehöre längst zur zweiten Gruppe. Es war ein schleichender Prozess. Und manchmal fehlt mir das Zappen schon.

Fernsehen hat sich verändert

Früher habe ich ganz anders ferngesehen. Ich habe den Fernseher eingeschaltet und einfach drauf losgeguckt. Wenn mir ein Programm nicht gefallen hat, habe ich weitergeschaltet, bin bei Sendern gelandet, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte und etwas neues entdeckt, oder zumindest etwas, mit dem ich nicht gerechnet habe.

Das passiert mir heute nicht mehr. In den allermeisten Fällen – außer es laufen Formate die vom Live-Charakter leben, wie Sport-Übertragungen oder auch das Dschungelcamp – entscheide ich mich vorher, was ich gucke. Ich wähle aktiv das Streaming-Portal meiner Wahl an – oder auch die Mediatheken von ARD und ZDF. Ich weiß vorher, was ich schauen möchte: eine Doku, einen Film, Trash-TV, die Zusammenfassung des Bundesliga-Spieltags.

Das ist auf der einen Seite furchtbar praktisch. Ich muss kaum nervige Werbung sehen und gucke auch nicht länger, als geplant. Denn wenn die Sendung vorbei ist, ist sie vorbei. Streaming ist anders als lineares Fernsehen keine Dauerschleife - außer natürlich, wenn man eine neue Serie angefangen hat und die nächste Folge am Ende der zuletzt geschauten bereits wartet.

Fernsehen ist heute viel zielgerichteter

Doch manchmal finde ich dieses zielgerichtete Fernsehen schade. Es hat weniger etwas von Zerstreuung, als früher. Vielmehr wirkt es wie eine To-Do-Liste, auf der man abhaken kann, ob man denn Doku A, Film B oder Serie C schon gesehen hat. Kein im wahrsten Sinne des Wortes „wahlloses“ Berieseln lassen mehr, keine Herumgezappe und somit auch nicht überraschendes mehr.

Ich bekomme, was ich bestellt habe - und bleibe damit in meiner Blase. Denn die Serien und die Filme, die ich mir anschaue, werden mit von Freunden empfohlen oder auf Instagram. Zufällige Entdeckungen sind rar gesät. Und das ist schade um die Vielfalt, die die Unterhaltungsbranche zu bieten hat.

Im Fernsehen läuft viel Mist, aber es gibt auch schöne Perlen

Ich will damit nicht sagen, dass nicht viele der Sendungen, in die ich in meinem Leben zufällig hineingezappt habe, nicht entweder ziemlich uninteressant waren oder zumindest ziemlich weit an meinem Geschmack vorbeigingen. Aber dann und wann habe ich doch immer wieder Perlen entdeckt, an denen ich hängengeblieben bin. Zum Beispiel hätte ich Mitte der Nuller Jahre niemals Bear Grylls wirklich unterhaltsame (Pseudo-)Survival-Show „Ausgesetzt in der Wildnis“ entdeckt, wenn ich nicht zappend vorm Fernseher gelegen hätte.

Lesen Sie auch: Wiedersehen bei „Temptation Island VIP“: Warum sieht Henrik Stoltenberg sein Fehlverhalten nicht ein? >>

Einst war Bear Grylls alleine (mit einem Kamera-Team) in der Wildnis unterwegs. Später begleiteten ihn Promis wie Barack Obama. Imago/Everett Collection

Lesen Sie auch: Dschungelcamp: Warum schmeißen die Zuschauer nur Frauen raus? Ein Erklärungsversuch >>

Die Sendung, bei der Nordire sich mit so gut wie nichts in der Wildnis hat aussetzen lassen, und dort käferessend und urintrinkend den Weg in die Zivilisation gesucht hat, hat mir so gut gefallen, dass ich mir heute zur Zerstreuung die alten Folgen alle paar Jahre wieder angucke. Inzwischen aber wann ich will – auf dem Streaming-Portal meines Vertrauens.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.