Vielen Haustieren fällt die Trennung nach anderthalb Jahren Homeoffice schwer. Doch Tierhalter können einiges für ihre Lieblinge tun, weiß Katzen-Fachmann Florian Schäfer. Fotos: Benjamin Pritzkuleit, Imago/Westend61

Ich gebe es zu: Auch ich dachte am Anfang der Coronazeit darüber nach, mir ein Haustier anzuschaffen. Ein eigener Hund ist schon lange mein Traum – und als sich abzeichnete, dass das Homeoffice nun für längere Zeit Teil meines Lebens wird, schien die Gelegenheit günstig. Ich habe es nicht getan. Warum? Weil ich wusste, dass irgendwann die Normalität zurückkehren wird. Und momentan sind es unter anderem die Tierheime, die unter dieser Normalität leiden.

Tiere haben sich schnell daran gewöhnt, dass die Halter zuhause sind

Denn sie sind brechend voll: Immer mehr Menschen wissen nicht, wohin mit den Tieren, die im Lockdown scheinbar doch nur ein Mittel gegen die Langeweile waren. Im Tierheim beobachtete man die Entwicklung schon vor Wochen, als die Lockerungen kamen. „Scheinbar sind viele jetzt wohl einfach im Weg. In Sachen Homeoffice kommt das dicke Ende vermutlich noch“, sagte Tierheim-Sprecherin Beate Kaminski. Ein Tier anschaffen und es dann einfach abgeben? Wie herzlos kann man sein!

Doch zum Glück gibt es auch viele Tierhalter, die ihre Lieblinge behalten wollen. Und auch sie stehen vor Problemen. Denn: Selbst die Tiere, die schon länger zur Familie gehören, haben sich schnell daran gewöhnt, dass Herrchen und Frauchen dauerhaft zu Hause sind.

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Das Problem kennen auch Florian Schäfer und Jörg Reichl: Schäfer arbeitet seit Jahren ehrenamtlich im Tierheim, Reichl ist Tierpsychologe, gemeinsam betreiben sie den Katzen-Service bastet-katze.de. „Viele Leute haben in der Corona-Zeit im Homeoffice gearbeitet, waren 24 Stunden da“, sagt Reichl. „Wenn sie jetzt wieder ins Büro müssen, ist das eine Veränderung, mit der Haustiere erstmal klarkommen müssen.“

Jörg Reichl (links) und Florian Schäfer. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Die beiden bieten unter anderem Training, Beratung und Katzen-Sitting an, die Anfragen gingen in den vergangenen Wochen in die Höhe. Denn: Aus der Verunsicherung bei den Tieren könne schnell ein Problem werden. „Ist beispielsweise eine Katze plötzlich allein, kann das traumatisch sein. Sie miaut dann laut, ist psychisch unausgeglichen, kratzt vielleicht an den Möbeln oder wird unsauber. Oder sie ist in der Nacht unruhig, weil sie den ganzen Tag geschlafen hat. Die Tiere können sogar depressiv werden.“

Auch das Berliner Tierheim füllt sich nach und nach

Wer es sich dann einfach machen will, gibt das Tier ab - leider. „Das Tierheim füllt sich nach und nach“, sagt Schäfer. „In den Sommermonaten, wo viele in den Urlaub fahren, ist das sowieso jedes Jahr ein Phänomen. Und jetzt wird es durch die Lockerungen nach dem Lockdown noch verstärkt.“

Dabei kann jeder Tierhalter etwas dafür tun, dass es den eigenen Lieblingen auch ohne Herrchen und Frauchen gut geht. „Am besten ist es natürlich, das Tier schon nach und nach daran zu gewöhnen, dass es auch allein bleiben kann“, sagt Reichl. „Am Anfang mit kurzen Phasen, über die man nicht im Haus ist. Sie müssen es als Normalität empfinden, dass niemand da ist.“

Katzen müssen sich auspowern, sonst können sie sogar Depressionen entwickeln. Foto: Benjamin Pritzkuleit

Auch das Umfeld ist wichtig, weiß Schäfer, der selbst erfahrener Katzenhalter ist. „Man darf einer Katze kein reizarmes Umfeld überlassen. Sie muss sich auspowern können.“ Und das geht mit einfachen Mitteln: „Karton aufstellen, zerknülltes Zeitungspapier und ein paar Leckerlis hineingeben. Eine solche Raschelbox beschäftigt die Tiere.“ Eine andere Option ist ein Vogelhaus auf dem Balkon oder am Fenster. „Katzen sitzen dann gern mal eine Stunde auf dem Fensterbrett und schauen den Vögeln zu“, sagt Schäfer. Generell sollten alle Fensterbretter freigeräumt werden, damit die Tiere auch die Möglichkeit haben, um nach draußen zu schauen. „Denn sie beobachten gern ihr Revier.“

Generell gilt aber: Niemand muss seine Lieblinge im Tierheim abgeben! „Denn selbst wenn nichts gelingen will: Man kann sich Hilfe bei Tiertherapeuten holen oder die Dienste von Tierpensionen und Tiersittern in Anspruch nehmen“, sagt Reichl. Und wichtig ist, dass die Tierheime entlastet werden.

Beispiel Berlin: Rund 240 Hunde und 300 Katzen leben bei den Tierschützern in Falkenberg, die Kapazitäten sind nicht unbegrenzt. So wird es beispielsweise ab 400 Katzen eng. Und: Es muss immer Reserveplätze geben, falls das Veterinäramt beispielsweise illegale Züchter hochnimmt. „Und das können im Extremfall mehrere hundert Tiere auf einmal sein“, sagt Kaminski.

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiergeschichten aus Berlin und Umgebung.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com