Ein Supermarkt-Gespräch über Himbeeren brachte KURIER-Kolumnistin Sabine Stickforth zum Nachdenken. Imago/Mahirrov

Liebe Leserinnen und Liebe Leser!

Mein Alltag bringt es seit Jahren mit sich, dass ich meistens abends einkaufen gehe. Auf dem Weg nach Hause ein kurzer Boxenstopp am Supermarkt und das Überleben der Familie ist gesichert. Als ich vor ein paar Tagen mit Äpfeln, Käse und Milch im Korb an der Kasse stand, fiel mir eine junge Frau auf, die heftig auf ihren Partner einredete.

Sie war chic gekleidet, alles passte. Außer eben dieser lauten Schimpftirade. Von diesem Widerspruch angezogen, ertappte ich mich beim Zuhören. Beziehungsstress? Mitgenommene Probleme vom Arbeitstag? Ich traute meinen Ohren kurzzeitig nicht, denn die junge Frau empörte sich lautstark darüber, dass es keine frischen Himbeeren gab. Was solle sie denn morgen früh in ihr Müsli mischen? Und überhaupt sei doch frisches Obst… Und die vielen leeren Regalplätze hier im Supermarkt…

Das Einkaufen hat sich verändert

Natürlich hat sich das Einkaufen in den letzten Monaten verändert. Was mit Klopapier-Mangel (!) während der ersten Pandemie-Monate begann, sind heute Sonnenblumenöl, Mehl oder eben Lücken bei einzelnen Produkten. Ich empfinde tiefe Sympathie für die Verkäuferinnen im Supermarkt, die nun wirklich nicht hier arbeiten, um die Weltlage zu erklären oder sich mit dem unsolidarischen Verhalten mancher Mitmenschen auseinandersetzen müssen.

Die Öl-Regale in deutschen Supermärkten waren in den vergangenen Wochen oft recht leer. Stefan Henseke

Aber schon wanderten meine Gedanken an der abendlichen Supermarkt-Kasse weiter. Hängt unser Wohlbefinden wirklich davon ab, dass immer alles überall verfügbar ist? Entschieden kam meine innere Antwort: nein, ganz bestimmt nicht! Meine Stimmung beeinflussen ganz andere Dinge, die sich banal anhören, aber alles andere als das sind.

Ein großer Luxus ist für mich Zeit, einfach mal das Handy ausschalten und für ein paar Stunden unerreichbar sein, eine große Runde mit dem Hund laufen und dabei versuchen, alle Alltagssorgen wenigstens kurzzeitig aus dem Kopf zu verbannen. Denn kleiner geworden sind meine Ängste und die innere Unruhe in den letzten Wochen nicht.

Der Krieg tobt nur zwei Ländergrenzen entfernt. Während ich darüber nachdenke, bin ich an der Reihe und bedanke mich an diesem Abend besonders freundlich bei der Kassiererin im Supermarkt. In mir macht sich eine Mischung aus Demut, Selbstbewusstsein und vorsichtiger Hoffnung breit. Ich freue mich auf zu Hause und das Gespräch mit der Familie, dass sich beim Abendessen um mehr drehen wird als fehlende Himbeeren.

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Wie denken Sie drüber? Luxus, Überschuss, Wegwerfen sollten wir nicht alle im Namen der Umwelt und Mitmenschlichkeit bescheidener und demütiger werden?

Ihre Sabine Stickforth

KURIER-Autorin Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag über das Leben über 50 in Berlin.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com