Alle Jahre wieder wallt Mariah Carey aus dem Radio ins Ohr, weil sie sich nur Juuuuuuh! zu Weihnachten wünscht.
Alle Jahre wieder wallt Mariah Carey aus dem Radio ins Ohr, weil sie sich nur Juuuuuuh! zu Weihnachten wünscht. AP/Brent N. Clarke

Ach, wie besinnlich ist sie doch, die Adventszeit. Und so schön für die Radiomacher der musikbetonten Sender. Sie können, so meint man wahrzunehmen, die Hälfte des Programms mit jeder Menge „Christmas“-Melodeien abfüllen.

Es sei vorausgeschickt, dass es erlaubt ist, mich als schrecklichen Weihnachtsmuffel anzusehen. Die Beschreibung stimmt nämlich. Geht mir die Ohrenflutung doch ähnlich auf die Nerven wie die bereits im September (oder war es schon im August?) im Einzelhandel dargebotenen Dominosteine.

Unaufhaltsam, überall: Christmas-Inflation

Die aufgenötigte Dauerbesinnlichkeit führt bei mir zu Verdruss, sodass das Weihnachtsgefühl spätestens am 23. Dezember einer tiefen Sehnsucht nach Ostern gewichen ist. Zumal im Einzelhandel ebenfalls wohlige Weisen unaufhaltsam ans Trommelfell wogen.

Es ist ja schön für  Sarah Connor, dass die Sängerin schon im November mit ihrem neuen Weihnachts-Album an der Spitze der deutschen Charts stand. Mal ganz zu schweigen von Mariah Carey, deren nunmehr 28 Heiligabende alter Schlager die deutschen Single-Charts anführt: „All I Want for Christmas Is You” mit langem Juuuuuuuuh.

Eine Million Mal Mariah Carey, und es gibt weiße Weihnacht

Zu ertragen ist das aber nur, wenn man das Liebesliedlein als Wetterbeschwörung betrachtet. Ist der Song nämlich im Dezember eine Million Mal in deutschen Sendern gelaufen, gibt es weiße Weihnachten wie im zugehörigen Video, woselbst Mariah neckisch im Schnee mit dem Weihnachtsmann rauft. Wird behauptet …

Da wünscht man sich doch - „Wham!“ - ein Schneebrett aufs Radio, und schon sitzt man wieder in der Weihnachtsfalle, weil weit über den Tod von George Michael (just an einem 1. Feiertag) hinaus das „Last Christmas“ des Duos Herzschmerz aus dem Lautsprecher quellen lässt.

Deshalb kann ich Queen und Freddy Mercury – der jetzt da ist, wo angeblich Petrus die Hand an der Schneekanone hat und auf eine Million Mal Mariah wartet –  nicht zustimmen, wenn's aus der Konserve „Thank God It’s Christmas“ dudelt.

Jetzt ist es an der Zeit, ein Geständnis abzulegen: Ich bin meine Mutter. Die hatte dem Teenager-Sohn immer wieder entgegengehalten, dass die Musik seines damaligen Geschmacks doch schrecklich eintönig sei: „Das ist doch immer derselbe Krach!“ 

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I'm just talkin' 'bout my g-g-generation  

So geht es mir, einige unbedeutende Jahrzehnte später, bei den eher jugendaffinen Sendern ebenfalls, deren musikalische Darbietungen ich gemeinhin höchstens mal zehn Minuten am Stück ertrage. Folglich weiß ich von deren Weihnachtsbräuchen nichts und habe über sie zu schweigen. Bei den anderen 24/7-Gute-Laune-Tröten, privat und öffentlich-rechtlich, sind es vielleicht 20 Minuten, da bekomme ich die Weihnachts-Dröhnung mit.

Ich bin auch nicht so fit wie ein Kollege, der mir zuraunte, er habe die Weihnachtslied-Schleifen inzwischen so verinnerlicht, dass er rechtzeitig alle Viertelstunde fix den Sender wechseln kann, um nicht berieselt zu werden. 

Das  wär's doch: Automatisches Ausblenden von Weihnachts-Songs

Das sollte man automatisieren: Mindestens bei DAB+ müsste es doch zu machen sein, dass das Radio sich sofort stummschaltet, sobald und solange das Wort „Christmas“ in der Titelanzeige erscheint.

Das dürfte auch den Ohrenärzten viel Arbeit bei der Behandlung von Glöckchen-Tinnitus ersparen.

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Genug genölt. Holen Sie ihre Weihnachtsplatten oder -CDs raus, pusten den Staub runter, falls Sie es noch nicht getan haben, lassen Sie Ihre Speichermedien, Ihr Handy oder den Streamingdienst Ihrer Wahl glühen, und hören Sie Weihnachtslieder, so lange Sie wollen: In diesen Zeiten, in denen Väterchen Frost ein Komplize des Kriegs ist, gibt es fürwahr Schlimmeres als „Jingle Bells“ und „Stille Nacht“.

Gerhard Lehrke schreibt an diesem Montag im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.