Im Gartenlokal „Alte Baumschule“ von Matthias Kirsch (54) gibt es Ofenstullen und Bier, nebst anderen Genüssen. Foto: Sabine Gudath

Sie heißen Frohsinn, Märchenklause, Freilandstübchen, Vereinslokal Bauernstube, Gasthaus Bielefeld, Gaststätte Südpol oder Gartenlokal Alte Baumschule – und sie sind eine bewahrenswerte Besonderheit, gerade jetzt im Berliner Sommer. Die Rede ist von Vereinslokalen in den Berliner Kleingartenanlagen. Wer Hausmannskost mag und genug hat von Hipster-Schickimicki kann sich hier aufs Wesentliche besinnen. Ein Bier, noch besser eine Weiße, ein paar Worte mit dem Nachbartisch, ansonsten den Stammgästen lauschen, Blumen gucken, glücklich sein. Es darf berlinert werden. 

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Schon als Kind war es etwas Besonderes, wenn meine Eltern nicht selber den Holzkohlegrill im Rosenthaler Kleingarten anwarfen, sondern es hieß: „Heute gehen wir in die Gaststätte.“ Schnitzel, Bockwurst, Bouletten gab es da für die Eltern und ein Würzfleisch für mich, danach ein Eis für den Rückweg zu Fuß  in den Garten.

Kind, heute gehen wir in die Gaststätte!

Das Lokal in der Anlage Einigkeit, in dem auch Vereinsversammlungen stattfanden, Kinderfeste und Faschingsfeiern, ist heute geschlossen. In vielen anderen Laubenkolonien aber sind die Vereinslokale Herzstücke der Anlagen.

Bockwurst mir Kartoffelsalat geht eigentlich immer. Die meisten kommen wegen der Geselligkeit.  Sabine Gudath 

Sucht man sie im Internet haben sie oft keine gestylte Homepage, auch die Öffnungszeiten sind manchmal gewöhnungsbedürftig. Doch es lohnt sich, nach einem Kleingarten-Stammlokal für den Sommer zu suchen, das mit dem Rad oder zu Fuß zu erreichen ist. Der kleine Urlaub im Grünen beginnt dann zwischen Hecken und Schmetterlingsflieder gleich nach Feierabend.

Liegen die Kleingartenlokale in Reichweite von angesagten Kiezen, wie die Anlage Bornholm I in Prenzlauer Berg etwa, sieht man seit längerer Zeit auch Menschen mit angesagten Frisuren und in Birkenstock-Sandalen einkehren. Es hat sich offenbar schon herumgesprochen, dass man hier gut und günstig essen und trinken kann. Das Schnitzel mit Bratkartoffeln gibt es für um die zehn Euro. Die Lokale sind offen für alle.

Kleingartenlokale sind die letzte Bastion, seit die Eckkneipen sterben

Und so kommt es, dass man manchmal eine echt gute Berliner Mischung beobachten kann. Stammgäste mit Pudel und Dauerwelle treffen auf Start-Upper mit Oberlippenbart. Mütter mit Kindern treffen auf Männer am Tresen, die hier eine letzte Bastion gefunden haben, seit die Eckkneipen sterben.

Werner (84)  ist Stammgast in der Kleingartenanlage Alte Baumschule. Seine Bestellung: Apfelschorle, Amaretto, Kartoffelsalat - und für die Hündin des Chefs, Gina, eine lauwarme Bockwurst. Sabine Gudath 

Das Bier kostet oft weniger als anderswo und der Kaffee kommt nicht immer aus einer tollen Maschine. Dafür sind die Sprüche der Wirtinnen und Wirte manchmal hart und immer herzlich.

Matze bringt Bier und Ofenstullen, Werner kommt fast jeden Tag

Man duzt sich, so wie im Gartenlokal Alte Baumschule in der Pankower Hermann-Hesse Straße. „Matze“ bringt dann Bier und Ofenstullen und für Werner einmal Kartoffelsalat und Bockwurst. Werner kommt fast jeden Tag her und bestellt die Wurst für Gina, den Haus- und Hofhund.

„Nicht zu warm darf sie sein“, sagt der 84-Jährige. Bei Amaretto und einer Apfelschorle hat er einen guten Blick auf die anderen Gäste. Die dreijährige Lotti etwa, die im Sandkasten buddelt, ihre Mama beim Feierabendgetränk, die Herren, die gegen 14.30 Uhr die zweite Runde ordern. Aus den geöffneten Fenstern des Lokals erklingt „Moon River“, und die große Stadt ist auf einmal ganz weit weg.

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„Am 21.8. findet ein Kinderfest statt“, sagt Matze, der eigentlich Matthias Kirsch heißt und der seit fünf Jahren hier Pächter in der Alten Baumschule ist. Er liebt die bunte Gästemischung. „Gartenfreunde, Leute aus dem Kiez, aber auch Menschen von weiter her kommen zu uns“, sagt er. Nebenan befindet sich ein Hotel, viele Gäste besuchen das Gartenlokal, um noch einen Absacker zu trinken.

In einem Gartenlokal treffen oft die verschiedensten Menschen aufeinander. Lotti ( 3) ist heute der jüngste Gast. Mit ihrer Mama kommt sie öfter auf ein Eis, oder ein Wasser mit Action. Also Sprudel.  Sabine Gudath

Früher Maulbeerplantage, Kleingartenkolonie seit über 100 Jahren 

Im Gastraum stehen im alten Buffetschrank Gläser mit Bonbons und Gummitieren, an der Wand daneben ein Portrait von Hundedame Gina im Goldrahmen, gemalt von einem Gast. Werner kriegt jetzt einen Schnaps und auch die Handwerker trudeln nach Feierabend langsam ein.

Wer hier auf dem Gelände der ehemaligen Maulbeerplantagen von Prinzessin Elisabeth Christine nicht entspannt, dem ist nicht zu helfen. Seit über 100 Jahren gibt es die Laubenkolonie Alte Baumschule schon. Eine historische Aufnahme zeigt den einstigen Biergarten unter großen Bäumen.

Warum die Bauernstube in der KGA Bornholm I Bauernstube heißt, weiß hier keiner. Ist eigentlich auch egal. Hauptsache, es gibt Bier und Bouletten.  Sabine Gudath 

Auch im Vereinsheim Bauernstube auf Bornholm I ist man stolz auf die lange Tradition des Ortes. 125 Jahre gibt es diese Kolonie bereits. Am 4. und 5. September wird das gefeiert. Ein politischer Frühschoppen mit allen Kandidaten fürs Abgeordnetenhaus, Live-Musik und Feuerwerk  finden statt– es wird ordentlich was los sein. So wie eigentlich jeden Mittwoch beim Bouletten-Abend. Es ist ratsam, einen Tisch zu reservieren.

Holger Gerber (63) ist seit 17 Jahren Pächter in der Bauernstube in der KGA Bornholm I, außerdem spielt er Schlagzeug in der ersten Band am Platze.  Sabine Gudath 

Auf den Tischen liegen aber auch an allen anderen Tagen Zettelchen: die Kartenspieler haben reserviert, die Donn-Runde und Katrin. Pächter Holger Gerber, der auch Schlagzeuger in der Oldie-Band ist, die hier regelmäßig auftritt, stößt mit seinen Gartenfreunden an. „Ist schon schön hier“, sagt René, der um die Ecke seine Parzelle hat. „Wenn man weiß, wo man uns findet. So von außen sieht man das ja gar nicht.“

Und so ist es ja mit den meisten guten Sachen. Man muss sie ein wenig suchen, um die Ecken gucken und dann ein Prost auf das Leben und darauf, dass es diese Urberliner grünen Paradiese noch lange gibt.

Vereinsheim Bauernstube, KGA Bornholm I: Mittwoch bis Samstag 16 bis 22 Uhr, Sonntag 15 bis 22 Uhr. Bis Ende August Betriebsferien.  Gartenlokal Alte Baumschule, Hermann-Hesse Straße 70, Dienstag bis Freitag 14-23 Uhr, Samstag und Sonntag 10-23 Uhr

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER über Berlins Kieze .
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com