Ost-Charme im Konsum: Auf den Pressebildern sahen die DDR-Geschäfte immer nett aus. Die Regale waren voll mit Waren, die Bedienung im Tonfall freundlich. In der Realität war es leider nicht immer so. Foto: imago stock&people

Es gibt in unserer schönen östlichen Hauptstadtregion noch immer einen Tonfall, von dem ich glaubte, er sei bereits ausgestorben. Einen Zungenschlag, der die berühmte Berliner Schnauze bei Weitem übertrifft, die ja bekanntlich schon hart ist und so manchen mächtig auf die Palme bringen kann.

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Den Tonfall, den ich meine, ist der mit dem gewissen schroffen Ost-Charme, der es sogar schaffte, als ich ihn vor Tagen plötzlich wieder hörte, mich von meiner Frau zu trennen. Damit Sie verstehen, was ich meine, muss ich ihn folgende Geschichte erzählen.

Der Mann am Post-Schalter hat den Ost-Ton noch völlig drauf

Mit meiner Frau war ich in Potsdam unterwegs, um in einer Postfiliale ein Paket abzugeben, die sich in einer Videothek befand. Der Mann hinter dem Schalter hatte diesen Ost-Charme-Ton noch völlig drauf. „Das Etikett auf dem Paket ist falsch, dass da muss rauf“, polterte er los. Da war er wieder da, dieser pampige Ton, der mich an eine schlechtgelaunte DDR-Fleischverkäuferin erinnerte, die einem mit einem derben „Haben wir nicht“ anfauchte, wenn man aus Versehen fragte, ob sie ungarische Salami hätte. Oder das berühmte ablehnende „Geht nicht, können wir nicht“, wenn man damals einen Handwerker brauchte. Zum Glück waren nicht alle so.

Der Postmann jedoch schickte mich nun mit meiner Frau zu einem Tisch, damit ich das Paket richtig etikettiere. „Aber nicht den“, meckerte der Mann am Schalter. „Den anderen Tisch!“ Ich konnte nicht anders und musste meiner Frau zuflüstern: „Mit dem Ton könnte er einen hervorragenden übelgelaunten Postbeamten abgeben, wenn es sie noch geben würde.“

Ein DDR-Wohnzimmer mit Blümchentapete und Schrankwand, so wie es im DDR-Museum in Mitte gezeigt wird: Auch das versteht so mancher unter Ost-Charme, allerdings meist im negativen Sinn. Foto: imago/Friedel

Vielleicht lag es daran, dass er dies wohl hörte. Denn auf einmal setzte der Postmann seinem Charme noch eins drauf, verlangte, dass meine Frau den Laden verlassen muss. „Einer muss raus. Die Filiale darf man wegen Corona nur einzeln betreten, steht doch vorne auf dem Schild am Eingang in allen denkbaren Sprachen“, herrschte er uns an.

Der Postmann mit dem Ost-Charme-Ton: Er trennte mich von meiner Frau

Na gut, es stand tatsächlich so auf einer Tafel am Eingang , wenn auch nicht in allen denkbaren Sprachen. Doch der Hinweis war wegen davor gestellter DVD-Werbetafeln aber nicht auf dem ersten Blick für  Kunden erkennbar. Egal: Ich gab nun als ein vom Postmann „frisch geschiedener“ Ehemann mein Paket ab und bedankte mich bei dem Herren  für seine Freundlichkeit. So schnell, wie er mich mit seinem Ost-Charme-Ton von meiner Frau trennte, hätte es noch nicht einmal ein Scheidungsanwalt geschafft.

Sie könnten in gewisser Weise für den Ost-Charme stehen: Diese drei  leicht mürrisch schauenden Herren in einer Ostberliner U-Bahn, die der bekannte DDR-Fotograf Harald Hauswald ablichtete. Das Foto ist ab und zu in Ausstellungen zu sehen. Foto: imago/Ritter

Zur Beruhigung: Meine Frau habe ich zum Glück wieder. Aber das mit dem Ost-Charme ließ mich nicht mehr los. Ich suchte im Internet, was das Wort eigentlich ursprünglich bedeutet. Eine Erklärung fand ich nicht. Dafür tauchte das Wort vermehrt in den Besucherkommentaren von Pensionen oder Gaststätten auf. „Das Zimmer hatte Ost-Charme.“ Oder in abgewandelter Form: „Das Lokal hatte den Charme einer Mitropa-Gaststätte.“

Offensichtlich ist nicht nur bei mir das Wort Ost-Charme negativ besetzt. Oder gibt es auch einen positive Bedeutung? Wenn ja, dann schreiben Sie mir bitte!

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com