Diego Luna spielt die Hauptrolle des Cassian Andor in der neuen Star Wars-Serie.
Diego Luna spielt die Hauptrolle des Cassian Andor in der neuen Star Wars-Serie. Disney/Lucasfilm Ltd.

Vor mehr als 40 Jahren war der erste „Star Wars“ Film in den Kinos zu sehen. Luke Skywalker, Darth Vader, Prinzessin Leia und Obi-Wan Kenobi traten auf den Plan und sollten nie wieder aus der Popkultur verschwinden. Seither hat sich einiges getan: Aus einem Film wurden drei Trilogien. Es entstanden mehrere animierte und Live Action-Serien. Und bei jedem neuen Werk waren sich die Fans einmal mehr uneins was sie davon halten sollten.

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Denn auch das gehört zu „Star Wars“: Die Welt ist inzwischen so riesig und sie soll viele verschiedene Menschen ansprechen. Von Erwachsenen, die bereits 1977 in den Kinos waren, bis hin zu kleinen Kindern, die der große Disney-Konzern, der inzwischen hinter der Franchise steht, längst als „Konsumenten von morgen“ identifiziert hat. Deshalb ist jedes „Star Wars“-Werk auch immer nur ein Angebot für die sehr heterogene Fangemeinde. Jeder Film, jede Serie muss eine gewisse Essenz der Idee von Erfinder George Lucas transportieren, kann ansonsten, aber sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen, auf die sich Fans einlassen können oder nicht. „Star Wars“-Podcaster Kevin Arnold vergleicht diese Vielfalt immer mit einem Buffet.

„Andor“: Das beste Gericht auf dem „Star Wars“-Buffet

Und auf dieses Buffet hat man uns nun die erste Staffel der Serie „Andor“ gelegt. Die Vorgeschichte des Rebellen Cassian Andor, den die Fans erst im Spin-off „Rogue One: A Star Wars Story“ aus dem Jahr 2016 kennengelernt haben. Und nach zweimaliger Ansicht der zwölf Folgen kann ich sagen: Für mich ist es ein absolutes Highlight.

Doch was macht diese Serie, die letztendlich ohne Laserschwert, ohne Nutzung der Macht, über weite Strecken ohne Sturmtruppen, Aliens und teilweise sogar ohne einen einzigen Blasterschuss auskommt, so gut? Es ist die Lücke, die diese Serie schließt. Die Lücke, die „Star Wars“ immer als Schwäche ausgelegt werden konnte.

„Andor“ zeigt, wie böse das Imperium bei „Star Wars“ wirklich ist

Denn obwohl nie ein Zweifel daran gelassen wurde, dass das Imperium die Bösen sind, deren Führer zudem auch noch das religiöse Oberhaupt der „dunklen Seite der Macht“ ist, gab es doch immer eine gewisse Faszination für die Sturmtruppen in ihren weißen Rüstungen. Nicht nur Friedemann Karig und Samira El Ouassil kritisierten in ihrem Buch „Erzählende Affen“, dass sich Menschen auf Messen und bei Veranstaltungen mit den Elite-Soldaten des Imperiums, also Erfüllungsgehilfen des galaktischen Faschismus, fotografieren ließen. Alle Filme und Serien, in denen das Imperium immer Antagonist war, konnten bislang die kultige Coolness der Strumtruppen oder Sith-Lords nicht beschädigen. 

Cassian Andor ist in der neuen „Star Wars“-Serie der Willkür des Imperiums ausgeliefert.
Cassian Andor ist in der neuen „Star Wars“-Serie der Willkür des Imperiums ausgeliefert. Disney/Lucasfilm Ltd

„Andor“ schafft das, oder besser gesagt, kann es schaffen. Denn die Serie zeigt, die Grausamkeit des Imperiums, die in vorherigen Werken nur angedeutet oder über die oftmals schnell hinweggegangen wird. Es wird gezeigt, wie das Imperium sich die weit, weit entfernte Galaxis Untertan macht: Mit einem straff organisierten Geheimdienst ISB, mit Folter, mit Straflagern, rechtlicher Willkür und unfassbarem Machtmissbrauch gegenüber den einfachen Menschen. Die Serie lässt keinen Zweifel daran, dass das Imperium bekämpft werden muss und lässt dabei keinen Platz dafür, die Sturmtruppen oder Sith-Lords abzukulten. Mir gefällt das.

Bei „Andor“ fehlen auch „Star Wars“-Elemente, aber das ist okay

In dieser Ernsthaftigkeit gehen, das muss ich zugeben, aber auch Elemente verloren, die üblicherweise zu „Star Wars“ gehören. Ein manchmal fast kindlicher Witz, Laserschwerter, die Macht, skurrile Aliens, die manchmal nur im Hintergrund laufen – und ja: auch die Familientauglichkeit. „Andor“ ist eine Serie für Erwachsene. Die erste Szene spielt in einem Bordell, Sex wird mehr als nur angedeutet, das Wort „Scheiße“ fällt und der Protagonist tötet, während die Kamera drauf hält. Grausamkeit wird dabei aber niemals zum Selbstzweck gezeigt, sondern um das Imperium zu charakterisieren.

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„Andor“ ist ein Stück des „Star Wars“-Buffets, von dem Kinder noch die Finger lassen sollten. In ein paar Jahren, für mich ist es aber die Torte, samt Sahnehaube und Kirsche.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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