Ein Glühweinstand auf einem Weihnachtsmarkt – irgendwo in Deutschland. (Symbolfoto)
Ein Glühweinstand auf einem Weihnachtsmarkt – irgendwo in Deutschland. (Symbolfoto) dpa/Christoph Schmidt

Kälte drinnen und draußen. Vielleicht hilft etwas vorweihnachtliche Besinnlichkeit? Und ein Becher Glühwein? Zusammen mit zwei Freundinnen mache ich mich auf, einen Berliner Weihnachtsmarkt zu besuchen. Wir suchen uns einen aus, der nur an einem einzigen Adventswochenende ausgerichtet wird. Diese Beschränkung macht ihn so besonders in einer Stadt, die sehr stolz darauf ist, dass sie mehr als 100 Weihnachtsmärkte hat. Frei nach dem Motto „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“ sind sie nostalgisch, rummelig, bio oder design. Berlin kann sogar mit einer Stadtrundfahrt „Hop on, Hopp of“ aufwarten, die 22 zu den schönsten der Stadt zählende Weihnachtsmärkte verbindet. Etwas für Hardcore-Weihnachtsfreunde.  

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Wir bummeln lieber zu Fuß los – gemeinsam mit Hunderten Gleichgesinnten. Eingestellt auf ein bisschen Frohsinn und vielleicht adventliche Rührung. An einem Stand mit der handbeschriebenen Tafel „Glühwein, hausgemacht“ halten wir an. Ich stelle mich für uns in die lange Warteschlange. Als ich genau zwischen zwei der kleinen Buden stehe, erhasche ich einen Blick auf einen Mann. Drei große Zehn-Liter-Kartons liefert er gerade mit einem Fahrradanhänger an. 

Glühwein aus Tetra-Paks vom Großmarkt 

Es ist Glühwein aus Tetra-Paks vom Großmarkt, der hier mit ambitionierter Ansage zu einem stolzen Preis verkauft wird. Keine Spur also von im Wein schwimmenden duftenden Zimstangen, Nelken oder Sternanis. Ich fühle mich veralbert und bekomme fast miese Laune. Auch weil gedrängelt wird, was das Zeug hält.

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Die Schlange steht der Bewegung der vielen, die einfach nur weiter zu anderen Buden oder an die Bühne mit dem Chor drängen, im Weg. „Ick will ma durch“ ist noch eine der freundlicheren Bemerkungen, mit denen sich Leute ihren Weg bahnen. Ich mache Platz, wenn auch nur widerwillig. Besinnlichkeit ist weiter entfernt von mir denn je.  Aber vielleicht ist es ja auch nur die allgemeine Verunsicherung, die Weihnachtsgefühle nicht aufkommen lässt.     

Hoffnung geben Familie und Freunde

Während ich mir weiter die Beine in den Bauch stehe, erinnere ich mich an eine gerade erschienene Umfrage im evangelischen Monatsmagazin chrismon. Ihr zufolge sind soziale Kontakte und ein bewusster Lebensstil für viele Menschen ein wichtiger Halt in Krisenzeiten. 80 Prozent von denen, die an der Umfrage teilnahmen, gaben an, aus dem Miteinander mit Familie und Freunden Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu schöpfen. Freunde habe ich ja zumindest dabei, soziale Kontakte in der Schlange gerade aber mehr, als mir lieb sind. Als ich endlich drei Gläser mit Industrie-Glühwein ergattert habe, ist es schon nicht mehr so wichtig, wie er schmeckt. Meine Freundinnen und ich haben trotzdem Spaß miteinander, erinnern uns an gute gemeinsame Zeiten und machen Pläne für den nächsten Sommer. Unsere Beschwingtheit rührt sicher auch daher, dass wir uns noch mehr vom „Glühwein, hausgemacht“ gönnen. Was soll’s!

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Später höre ich im Radio, dass es Streit in der Berliner Politik über den Umgang mit Flüchtlingen im Winter gibt. Weil Berlin wegen des russischen Angriffskrieges Platz für Menschen aus der Ukraine braucht, sollen Flüchtlinge aus Moldawien weiterhin abgeschoben werden. Entgegen den Vereinbarungen in der Regierungskoalition. Angesichts dessen scheint es mir nun doch ziemlich unwichtig, ob ein Glühwein das Prädikat „hausgemacht“ verdient.   

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt zur Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com