Wie viele Gedanken machen Sie sich eigentlich darum, wie es im Inneren Ihres Kühlschranks aussieht? Wenn es Ihnen so geht wie der Mehrzahl der Deutschen, dann wahrscheinlich nicht allzu viele. „Gut, dass die Tür die meiste Zeit geschlossen ist“, denken die meisten wohl pragmatisch. Doch die sozialen Medien finden natürlich immer wieder neue Sachen, die man verschönern könnte – und jetzt ist eben der Kühlschrank dran.
Fridgescaping verspricht Instagram-würdige Kühlschränke
So richtig in Fahrt gekommen ist der Trend „Fridgescaping“ (eine Mischung aus dem englischen „fridge“ für „Kühlschrank“ und „landscaping“, auf Deutsch „Landschaftsbau“) durch das Instagram-Profil der amerikanischen Bloggerin Lynzi Judish. Die 37-jährige Fotografin zeigt auf Social Media schon seit Jahren ihr Haus und ihre Inneneinrichtung, bis sie sich im Laufe des Jahres auf ihren Kühlschrank spezialisierte und damit einen riesigen Trend auslöste.
Das Innenleben von Judishs Kühlschranks ist bunt, voll mit frischem Obst und Gemüse, abgefüllt in schönen Verpackungen, antiken Schalen. Kräuter stehen in Vasen, dazwischen Bilderrahmen und andere Deko-Elemente, Blumen, manchmal sogar Lichterketten. Alle paar Monate ändert sie ihre Kühlschrank-Landschaft. Als die letzte Staffel „Bridgerton“ erschien, stimmte sie zum Beispiel das Innere ihres Kühlschranks optisch auf die Serie ab. Jetzt, wo es Herbst ist, sieht es bei ihr nach Halloween aus, mit Orangen und Skelett-Dekor.
Unpraktisch, lebensfremd, verschwenderisch?
„Was für ein Killefit“, höre ich die Stimme meines Opas schon in meinem Hinterkopf, während ich diese Sätze schreibe. Und ich gebe ihm irgendwo recht: Brauchen wir wirklich schicke antike Bilderrahmen im Kühlschrank, den wir zu 90 Prozent der Zeit ohnehin geschlossen halten? Vermutlich nicht.
Es gibt Tausende Gründe, weswegen das unpraktisch ist, und glauben Sie mir, wenn Sie online den Begriff „Fridgescaping“ suchen, werden Sie genug Artikel finden, die genau das sagen. Hat man Kinder oder einen unkooperativen Partner, kann einem Fridgescaping das Leben schwer machen. Ist man ungeschickt, ist es keine gute Idee. Ist man eher praktisch angelegt und/oder ist aus welchem Grund auch immer nicht in der Lage, das schöne Obst und Gemüse rasch aufzubrauchen, dann sollte man den Kühlschrank eher zugunsten der Haltbarkeit als der Schönheit einräumen. Genau das sagt übrigens auch Lynzi Judish immer wieder.
Von Fridgescaping zur Butterdose
Also – warum ist Fridgescaping dann so zum Trend geworden? Wieso sind so viele fasziniert davon, ausgerechnet das Innere unseres Kühlschranks schick zu machen? Nun ja, man kann auch allgemeiner fragen: Wieso sollten wir überhaupt irgendetwas schön machen wollen? Eben, weil man Spaß daran hat und sich gerne mit Schönem umgibt.
Bitte nehmen Sie das jetzt aber nicht zum Anlass, in meinen Kühlschrank zu gucken – der ist nämlich ganz bestimmt nicht so schön aufbereitet wie der von Lynzi Judish. Aber wann ist das Leben schon mal so, wie es auf Instagram aussieht? Influencer auf Instagram scheuen keine Kosten und Mühen, um ihr Leben möglichst schön aussehen zu lassen. Aber die wenigsten werden die Instagram-Posts von Lynzi Judish ansehen und sofort Lust haben, ihren Kühlschrank dekadent einzuräumen.
Mich haben sie zum Beispiel vor allem dazu motiviert, den selbigen mal wieder zu putzen und aufzuräumen. Und eine schöne Butterdose auf meine Wunschliste bei Etsy zu setzen. So funktionieren doch die meisten Trends: Man sieht sie in Magazinen oder auf Social Media in einer überzogenen Variante, und nimmt dann fürs Leben doch nur eins, zwei Ideen mit.
Aber wer weiß – vielleicht findet ja doch irgendwann eine Lichterkette ihren Weg in meinen Kühlschrank. Dann werden Sie als Erste davon erfahren, zusammen mit meinen besten Fridgescaping-Tipps.
