Beim Gespräch unter Kollegen wird es immer öfter dazu kommen, dass man nicht die gleichen Sendungen im TV sieht. Mut zur Lücke ist gefragt.
Beim Gespräch unter Kollegen wird es immer öfter dazu kommen, dass man nicht die gleichen Sendungen im TV sieht. Mut zur Lücke ist gefragt. Imago/Yay-Images

Schon als ich vor rund 20 Jahren angefangen habe, mir einen eigenen TV-Geschmack zuzulegen, war die Vielfalt, die sich bot, riesig. Dennoch gab es einen gewissen Konsens, was man so schauen muss, um mitreden zu können. Unabhängig von meinen ganz persönlichen Lieblingssendungen waren damals beispielsweise „TV Total“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Die Simpsons“ Pflicht. Schon damals galt: Je nach Umfeld und Alter konnte der vermeintliche Kanon über den in der Schule oder bei der Arbeit gesprochen wurde, variieren.

Das immer größer werdende Angebot hat diesen Effekt noch verstärkt – und zwar so weit, dass es einen echten Fernseh-Kanon quasi gar nicht mehr gibt. Wer Fernsehen guckt, dabei auf kostenfreie Mediatheken, Youtube und auch den einen oder anderen Bezahldienst zurückgreift, muss keine Kompromisse mehr machen und kann nur noch die Sendungen gucken, auf die er oder sie Lust hat. Überall mitreden ist aber nicht mehr drin. Daran muss man sich gewöhnen.

Fernsehen und Streaming: Man kann nicht alles gucken

Das musste auch ich feststellen. Ganz besonders, als ich vor fast zwei Jahren diese TV-Kolumne begonnen hatte. Ich habe versucht, ein breites Spektrum abzubilden, nicht nur über meine Lieblinge aus den Bereichen Trash-TV, „Star Wars“ und Wintersport zu schreiben, sondern auch über „Die Passion“ von RTL, Kochsendungen, Quotenschlager wie „Die Rosenheim-Cops“ oder den ZDF-„Fernsehgarten“. Dafür musste ich mir die Formate natürlich mindestens einmal anschauen. Doch noch immer gibt es zahlreiche Sendungen mit starken Quoten, die ich noch nicht kenne.

Und das betrifft Streaming genauso wie lineares Fernsehen. Ich habe in meinem ganzen Leben weder eine Folge „Traumschiff“ geschaut, noch einen Film aus der Briten-Kitsch-Reihe von Rosamunde Pilcher. Und auch bei einer der beliebtesten deutschen Serien bin ich noch komplett unbeleckt: „In aller Freundschaft“.

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Eine Szene aus „In aller Freundschaft“. Die Klinik-Serie aus Sachsen ist in Deutschland sehr beliebt.
Eine Szene aus „In aller Freundschaft“. Die Klinik-Serie aus Sachsen ist in Deutschland sehr beliebt. Rudolf Wernicke/MDR

Die Arzt-Serie aus der fiktiven Sachsenklinik holt stets Millionen Zuschauer vor den Fernseher und überzeugt seit Jahren mit Marktanteilen von mehr als 15 Prozent. Eine ähnliche Unwissenheit habe ich in Sachen „Game of Thrones“, „Breaking Bad“ oder „Alarm für Cobra 11“, um nur einige beliebte Serien aus Streaming und linearem Fernsehen zu nennen. Andere mögen hingegen mit „Star Wars“ oder Trash-TV nichts anfangen können.

Fernsehen und Streaming: Wir brauchen Mut zur Lücke

So wie mir geht es sicherlich vielen Menschen. Nicht überall mitreden zu können, nicht alles zu kennen, mag sich unangenehm anfühlen, so als würde man etwas verpassen. Doch es wird der Normalzustand werden. Die Flut an neuen Produktionen der immer zahlreicheren Player auf dem Streaming- und Fernsehmarkt wird nicht abebben. Gleichzeitig wird der Tag nicht mehr Stunden bekommen – und einen noch höheren Anteil des Tage vor dem Fernseher zu verbringen, kann ja auch keine Option sein. Da ist Mut zur Lücke gefragt.

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Und es hat schließlich auch etwas Positives, dass man nicht mehr alles kennen und gucken muss, was vermeintlich zum TV-Kanon gehört. DSDS steht heute, anders als vor 20 Jahren, nicht mehr auf meinem ganz persönlichen Fernsehprogramm.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
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