DDR-Fernseher im Radio- und Fernsehmuseum in Staßfurt (Sachsen-Anhalt): Das Testbild auf dem  Farbfernseher ähnelt der Version, die ARD und ZDF verwendeten.
DDR-Fernseher im Radio- und Fernsehmuseum in Staßfurt (Sachsen-Anhalt): Das Testbild auf dem Farbfernseher ähnelt der Version, die ARD und ZDF verwendeten. imago/Sascha Steinach

Woran merkt man eigentlich, dass man alt wird? Daran, dass ich mich an Zeiten erinnern kann, als es im Fernsehen noch ein Testbild gab. Immer über mittags, wenn die Sender eine Sendepause einlegten – oder um Mitternacht beim Sendeschluss. So war das im Osten und im Westen. Heute ist das unvorstellbar, wo man nun täglich rund um die Uhr vor der Glotze sitzen und sich mit Filmen, Serien und Trash-Shows nonstop berieseln lassen kann.

Wie ich auf das Testbild komme, dass vor fast 70 Jahren erstmals ausgestrahlt und in den 1990er-Jahren abgeschafft wurde? In meinem Kollegenkreis kam das Thema gerade vor kurzem durch einen Zufall auf. Gepaart mit der Frage, ob es zwischen den Testbildern des DDR-Fernsehens und denen von ARD und ZDF einen Unterschied gab. Und da fiel mir sofort diese Geschichte aus DDR-Zeiten ein.

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Das Testbild als politische Fangfrage in der DDR-Schule

Ich erinnere mich an ein absurdes Ereignis aus meiner Schulzeit, wie eine Lehrerin tatsächlich ernsthaft mittels des Testbildes herausbekommen wollte, wer nun unter uns Grundschülern Westfernsehen sieht und wer nicht und stellte die scheinbar harmlose Frage: „Hat das Testbild nur Kästchen oder auch Balken?“

Zwar hatten die Testbilder im Osten wie im Westen einen Kästchen-Hintergrund und einen großen Kreis in der Mitte. Aber der Teufel steckte im Detail. Das ARD- und ZDF-Testbild hatte im oberen Teil bis fast zur Mitte des Kreises farbige beziehungsweise schwarz-weiße Balken, im DDR-Testbild waren diese Abstufungen ebenfalls in Kästchen-Form und alles viel kleinteiliger gehalten.

S0 sah das Testbild des DDR-Fernsehens in den 80er-Jahren aus.
S0 sah das Testbild des DDR-Fernsehens in den 80er-Jahren aus. YouTube

Kästchen oder Balken? Um der Fangfrage zu entgehen, hielten sich  die meisten meiner Klassenkameraden an die Mahnung ihrer Eltern, nie zu sagen, welche Sendungen daheim im Fernsehen wirklich laufen, wenn jemand danach fragt. Denn die Feindsender ARD und ZDF durfte in der DDR offiziell nur Chef-Ideologe Karl-Eduard von Schnitzler schauen – für seinen montäglichen „Schwarzen Kanal“ im Ostfernsehen.

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Und darum beantworteten fast alle aus meiner Klasse die Testbildfrage so: „Unsere Eltern lassen uns nur das Sandmännchen sehen.“ Dies führte nun zur nächsten Fangfrage, denn die Lehrerin gab ja nicht auf: „Kommt das Sandmännchen vor den Nachrichten?“ Sie sagte absichtlich nicht „Aktuelle Kamera“.

So sah das West-Testbild aus. Dazu war noch ein Pfeifton zu hören, was auch beim DDR-Fernsehen der Fall war.
So sah das West-Testbild aus. Dazu war noch ein Pfeifton zu hören, was auch beim DDR-Fernsehen der Fall war. YouTube

Wer da schnell Ja sagte, wäre sogar in den Verdacht geraten, dass daheim Westfernsehen geschaut wurde. Denn „Unser Sandmännchen“ kam stets um 18.50 Uhr – und er war pünktlich mit dem Traumsandverschütten fertig, wenn um 19 Uhr im ZDF die „heute“-Sendung begann. Die „Aktuelle Kamera“ lief ja erst um 19.30 Uhr. Streng genommen hatte das Sandmännchen aber auch in diesem Fall vor den Nachrichten seinen Auftritt gehabt.

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Da kam 1974 zur Fußball-WM Freude auf: Testbild vom ZDF auf der Röhre, der Fernseher funktioniert – und die Familie West jubelt. In diesem Fall sind es Frau und Kinder des damaligen Nationalspielers Wolfgang Overath.
Da kam 1974 zur Fußball-WM Freude auf: Testbild vom ZDF auf der Röhre, der Fernseher funktioniert – und die Familie West jubelt. In diesem Fall sind es Frau und Kinder des damaligen Nationalspielers Wolfgang Overath. Imago/Sportfotodienst

Siehst du Ost- oder West-TV? Auch das Sandmännchen musste als „Verräter“ herhalten

Was nun die Lehrerin mit den Erkenntnissen aus ihrer blöden Fragerei machte und an wen sie diese weiterreichte, habe ich nie erfahren. Ich glaube, dass sie es nicht ganz freiwillig tat. Wer schaute sich damals auch schon ein Testbild an? Möglicherweise gab es eine Anweisung von ganz oben aus dem Volksbildungsministerium von Frau Honecker.

Einkaufen in einem DDR-Elektrogeschäft in Dresden: Da freut sich Familie Ost über das Angebot an Fernsehern. An den Testbildern konnte auch der Kunde sehen, wie gut die Geräte eingestellt waren.
Einkaufen in einem DDR-Elektrogeschäft in Dresden: Da freut sich Familie Ost über das Angebot an Fernsehern. An den Testbildern konnte auch der Kunde sehen, wie gut die Geräte eingestellt waren. Imago/Gunter Hübner

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Die Einzigen, die damals wahre Freude am Testbild hatten, waren übrigens die Fernsehmonteure. Zu uns kam auch einmal einer zu Besuch, um unseren Schwarz-Weiß-Apparat wieder auf Vordermann zu bringen. Natürlich nachmittags, wenn das Testbild lief. Damit konnte er die Schärfe, die Helligkeit und den Kontrast der Bildröhre am besten einstellen. Leider kann ich mich nicht mehr daran erinnern, ob er dafür das Ost- oder das West-Testbild benutzte.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com