Zwei obdachlose Männer teilen sich eine Bank. Wenn es kalt wird in Berlin, bricht für wohnungslose Menschen die härteste Zeit des Jahres an. Foto: Markus Wächter

Der Herbst hat uns in der vergangenen Woche sein anderes, sein garstiges Gesicht gezeigt. Er war grau statt farbig,  nieselig statt sonnig und mächtig windig. Ein Vorgeschmack auf trübe, kalte November- und Dezembertage, an denen Berlin so hässlich sein kann, wie man es im Sommer nicht glauben will.

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Jetzt muss er schnell gehen,  der Abschied von geliebten Sommerritualen, Laub wird geharkt oder ohrenbetäubend verpustet, der Grill eingemottet und auf dem Balkon die letzten Blumen des Jahres abgeschnitten. Aus dem Park höre ich abends noch den Lärm der letzten Partys von den Kids. Bald wird es ihnen dafür zu kalt und ungemütlich sein.   

Für manche Menschen wird die kalte Jahreszeit zum Alptraum 

Ein Gedicht kommt mir in den Sinn. So bittersüß  schreibt Rainer Maria Rilke in der dritten Strophe vom „Herbsttag“:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Doch während viele Berliner ihren Herbstblues frei nach Rilke gern pflegen, dabei die Kissen auf der Couch neu ordnen und wieder mehr lesen, gibt es auch andere Menschen in unserer Stadt. Solche, denen die bevorstehenden kalten Monate einen Alptraum bedeuten. Sie laufen bei Kälte nicht freiwillig durch die Straßen und können von anheimelnden eigenen vier Wänden und romantischem Briefeschreiben nur träumen. Sie schlafen auf der Straße, in Bushaltestellen oder Bahnhöfen. Auch bei Minusgraden. Eine tödliche Gefahr.  

Wie viele in Berlin dieses Schicksal teilen, weiß niemand genau. 5000 oder vielleicht sogar 10.000? Ihnen im Herbst und Winter zu helfen, ist in der Stadt das Anliegen vieler Institutionen und Initiativen, gebündelt in der Berliner Kältehilfe.

Jeder von uns kann den Bus zu einem Frierenden rufen 

Dazu gehört auch der Kältebus der Stadtmission, der in wenigen Tagen, am 1. November, wieder startet. Er bringt Menschen auf der Straße warmen Tee und fährt  sie – wenn sie es wollen -  in eine Notübernachtung. Jeder von uns kann den Bus nachts unter der Telefonnummer 0178 523 5838 zu einem Frierenden oder Hilflosen auf der Straße rufen.  Auch ich habe ihn in einer Frostnacht vor zwei Jahren schon einmal alarmiert, als ich unter dem Magistratsschirm in der Schönhauser Allee zwei Menschen in dünnen Schlafsäcken entdeckte. 

Der Kältebus hilft. Seine ehrenamtlichen Mitarbeiter bringen Menschen von der Straße in Notübernachtungen, wenn diese es wollen. Ab 1. November fährt der Kältebus wieder durch Berlin. Zu erreichen ist er unter der Telefonnummer 0178 523 58 38.  imago/epd  

In einer Stadt wie der unseren sollte niemand auf der Straße schlafen müssen. Das meint auch die Berliner Sozialverwaltung. Und verspricht: „Wer ein Bett braucht, bekommt auch eins.“ Ich hoffe, dass Berlin dieses Versprechen einlöst. Aber dennoch bleibt die Nummer vom Kältebus in meinem Handy gespeichert.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com