Das Cover der Platte, die bei Muza Polskie Nagrania erschien. Sie kostete einst 130 Zloty. Foto: zVg

Abba wird eine neue Platte veröffentlichen. „Voyage“ heißt sie. Mich hat diese Ankündigung auf eine Reise in die Vergangenheit geschickt. Wie viele andere meiner Generation vermutlich auch. Ich krame sofort im Plattenschrank (nein, ich habe nicht eine Schallplatte weggegeben) und finde ihn tatsächlich, meinen Schatz aus der Jungmädchenzeit. Eine Abba-Platte  –  ohne Titel und ohne das seitenverkehrte zweite B, aber mit einem verheißungsvollen Foto der Bandmitglieder vorn auf dem Einband.

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Der Blick in den Fond eines eleganten alten Wagens: Zu sehen sind Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad. Die Damen haben Sektschalen in der Hand, ein Herr trägt Schal, der andere die Schampusflasche, beide lächeln galant. Etwas dekadent, etwas 20er Jahre. Veröffentlicht wurde die Scheibe von Muza Polskie Nagrania. Sie kostete einst 130 Zloty, wie auf ihrer Rückseite vermerkt ist.

Die Abba-Platte stammt vom Markt in Polen

Keine Ahnung mehr, wer sie mir damals schenkte. Vielleicht habe ich sie sogar selbst gekauft, als wir bei einem Familienurlaub in Heringsdorf auf Usedom den obligatorischen Abstecher auf den Markt im polnischen Świnoujście machten. Der war eine gute Adresse für viele Dinge, die der DDR-Handel nicht anbot und eben auch für Musik jeden Genres.

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Dieses Foto zeigt Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Benny Andersson und Anni-Frid Lyngstad, Mitglieder von Abba. Eine virtuelle Version der Band soll am 27. Mai 2022 eine Reihe von Konzerten in London geben. Foto: dpa

In meiner Erinnerung höre ich die Platte mit Freundinnen, immer wieder, wir kriegen uns kaum ein vor Begeisterung über die Musik. Und über Agnetha und Anni-Frid erst, so wollen wir auch aussehen und solche Stiefel haben wie sie. Und wir fragen uns immer wieder: Wen findest du besser, Björn oder Benny? Welche Haarfarbe gefällt dir mehr, die von Agnetha oder Anni-Frid?

Dazwischen im Kinderzimmer lange Gespräche über die Zukunft und über Eltern, die so gar nicht durchsehen. Wir liebten Abba in einem Alter, in dem Fräulein Kugler im Biologie-Unterricht versuchte, uns die heiklen Prozesse bei der Entstehung eines Menschen nahezubringen. In den Biostunden war es meist angestrengt still, aber unter uns Mädchen gab es hinterher jede Menge Beratungsbedarf.

Über allem hängen die Abba-Melodien 

Und über all diesen Gesprächen hingen immer die fröhlich-süßlichen Abba-Melodien (Mamma Mia, I've been waiting for you, Bang-a-Boomerang). Ich glaube, wir spielten die Platte an manchem Nachmittag zehnmal hintereinander. Sogar auf den Feten meiner Eltern erklang sie. Später verlor ich Abba aus den Augen. Ich verließ die Schule, an der Fräulein Kugler sich mühte, und die bei uns angesagte Musik wurde härter. 

Das Cover der neuen Abba-Platte „Voyage“. Foto: AP

Nun also hat Abba eine neue Platte aufgenommen. „Voyage“ soll am 5. November erscheinen. Nach 40 Jahren Funkstille. Die beiden Titel, die schon zu hören sind, wurden im Internet schon millionenfach geklickt. Sie klingen unverkennbar nach Abba. Konzerte sind auch geplant. Und was für welche! Auf einer Bühne in London sollen sogenannte Abbatare stehen.

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Deren Köpfe sind nach den Abbildern der Bandmitglieder aus dem Jahr 1979 erschaffen. Die Fangemeinde ist ganz aus dem Häuschen, ist geradezu elektrisiert ob dieser Aussichten, ist zu lesen. Ich aber weiß nicht so genau - am liebsten würde ich das Mädchen von damals fragen, wie es das Vorhaben findet.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com