Der Blick aus dem Fenster, das nach und nach verschwand. Als dieses Foto entstand, konnte man noch nach draußen schauen. Das ist jetzt Geschichte. zVg/privat

Ein Freund von mir hat eine hübsche Altbau-Wohnung in einem der angesagtesten Ost-Berliner Kieze. Sie liegt im 3. Stock, ist bezahlbar, freundlich und sehr hell. Genauer gesagt, war sie hell, denn seit einigen Tagen wird direkt vor einem Wohnzimmerfenster eine Wand hochgezogen. Sie gehört zu einem gerade entstehenden Neubau. Der steht nicht etwa drei Meter und auch nicht zwei  Meter vom Haus des Freundes, nein, er grenzt direkt an das Fenster und die Hauswand an.

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Neben dem Haus, von dem hier die Rede ist, träumte lange eine Brache vor sich hin. Die ihr zugewandte Mauer war fast fensterlos, wahrscheinlich schmiegte sie sich einst an ein anderes Haus an. In Berlin sind sie heute noch häufig zu sehen, diese nackten kahlen Mauern oder Brandmauern an einer Seite eines betagten Wohnhauses. Oft sind es stumme Zeugen von  Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs und den später weggeräumten Ruinen.

Ein einziges Fenster in der riesigen Wand

Doch die Mauer im Haus des Freundes war eben nicht ganz fensterlos. Wenn man vorbeispazierte, war jahrelang in der riesigen Wand ein einziges Fenster zu sehen. Wenn es abends erleuchtet war, wirkte es ein bisschen wie ein einsames Lebenszeichen aus einer verborgenen Welt.

Der Legende nach wurde die Fensteröffnung zu DDR-Zeiten von Mietern heimlich und ohne jede Genehmigung in die Wand geschlagen. Wenn ich mich daran erinnere, wie sehr die Kommunale Wohnungsverwaltung (KWV) zu DDR-Zeiten in Berlin mit ihren vermieteten und leerstehenden Wohnungen  überfordert war, kann ich mir das durchaus vorstellen. Was wurde damals nicht alles einfach zusammengelegt, umgebaut, schwarz bewohnt oder besetzt.

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Das Fenster, das nach und nach verschwand. zVg/privat

Da wird sich wohl ein findiger DDR-Bürger gedacht haben, meine Wohnung ist zu dunkel, das muss nicht sein. Setzen wir flugs ein Fenster ein. Wie genau es sich damals zutrug, weiß heute dem Anschein nach heute niemand mehr. Aber sicher sei, so heißt es, dass dieses Fenster mit illegaler Geschichte jetzt zugemauert werden darf.

Auch wenn dieser Ausguck Jahrzehnte überlebt hat, wird nun die Lücke nebenan für neue Eigentumswohnungen gebraucht. Für den Freund bedeutet es, dass er einen schönen Blick auf eine Straße in dem belebten Kiez verliert und dass es keine Abendsonne mehr auf seinem Schreibtisch gibt. Und nicht mehr lange, so erzählt er, dann kommen  Handwerker. Sie werden dem Fenster von innen endgültig den Garaus machen.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com