Ein einfacher Monobloc-Stuhl steht bei miesem Wetter leer an einer Straße. imago/ZUMA Press

Vor einer freundlichen kleinen Bäckerei in Reinickendorf sitze ich in der Sonne und trinke einen Kaffee. Im Gewerbehof um die Ecke wird hoffentlich gerade mein Auto repariert. Plötzlich fällt mein Blick auf die Stühle an den kleinen Tischen vor dem Laden. Schön sind sie nicht, aber ich freue mich, dass ich beim Warten draußen sitzen kann. Und muss plötzlich an den neuen Film „Monobloc“ denken, von dem ich gerade im RBB-Inforadio gehört habe.

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Es geht – um einen Stuhl. Den meistverkauften der Welt, den Monobloc-Plastikstuhl. Eine Dokumentation über einen Stuhl, seine Geschichte und seine fantasievolle Verwendung weltweit zu drehen – was für eine spezielle Idee. Für den gerade angelaufenen Film von Hauke Wendler werde ich auf jeden Fall ins Kino gehen.

Das Draußensitzen gehört in Berlin zur Lebensart

Berlin ist eine Stadt des Draußensitzens, nicht nur in Corona-Zeiten. Das gehört seit Jahren einfach zur hiesigen Lebensart. Jedes Lokal, jeder Späti und oft auch der Kosmetiksalon oder die Schlosserwerkstatt stellen – wenn möglich – eine Sitzgelegenheit auf den Bürgersteig. Das ist manchmal eine schöne Holzbank, mal sind es nur ein paar schäbige Europaletten und sehr gern eben auch der schlichte Monobloc-Stuhl. Wir kennen ihn alle, er ist aus Plastik, meist weiß, nicht sehr bequem und einen Designpreis hat er auch nicht verdient.

Irgendwo im Freien zu sitzen, das geht in Berlin nicht nur in der Biergartensaison. Bei Bedarf kann der Hauptstädter seinen Kaffee oder Tee auch im November unter freiem Himmel sitzend schlürfen. Den Nieselregen ignorierend vom Mittelmeer träumen. Das hat vielleicht auch mit dem seit 2008 in der Stadt geltenden Nichtraucherschutzgesetz zu tun. Die verbliebene rauchende Minderheit darf seither nur noch draußen qualmen. Da ist eine Sitzgelegenheit auf der Straße immer sehr willkommen.

Auch in den Einkaufszentren der Stadt kann man in Nicht-Pandemie-Zeiten zwischen dem Einkauf im Supermarkt und dem Stöbern in einer Boutique auf Polstern oder Holzbänken verschnaufen. Seit Corona uns vieles beschwerlich macht, sind jedoch alle Sitzgelegenheiten verschwunden oder mit Flatterband gesperrt.

Auf der Internetseite eines Centers beschwert sich eine Frau: „Bei jeglichem Verständnis für alle Maßnahmen in dieser Zeit (...) ist mir unverständlich, dass es in Sicherheitsabstand nicht mal eine Sitzgelegenheit ausschließlich für alte Menschen gibt!“ Ihre 85-jährige Mutter könne beim Einkaufen nicht mal fünf Minuten ausharren.  Das sei „nicht in Ordnung“, findet die Frau.  Was für ein Segen wäre in dieser Situation ein schlichter Plastikstuhl.

Sinnbild für den Corona-Lockdown: Plastikstühle, auf denen niemand sitzt, vor einem Café in Berlin-Mitte. imago

Meine Gedanken werden unterbrochen, das Telefon klingelt. Ich erfahre, die Autoreparatur dauert noch etwas. Gut, dass ich hier vor der Bäckerei noch ein bisschen auf meinem Stuhl sitzen bleiben und meinen nächsten Kinobesuch planen kann.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com