Bernd Siebert trägt seine Lupe auf der Stirn. „Die ist mit mir verwachsen“, sagt er mit nordischem Zungenschlag. Foto: Gerd Engelsmann

Die rote Uhr über dem Laden geht nicht richtig, wie überhaupt nur wenige der wohl Hunderten von  Uhren in dem kleinen Laden mit den Vitrinen aus den 70er Jahren. Ist ja eine Reparaturwerkstatt hier, sagt der Inhaber. In der Gubener Straße in Friedrichshain betritt man eine andere Welt. Eine, in der der Zeit relativ ist. Und das liegt am Uhrmacher Bernd Siebert.

Uhrmacher in Berlin: Sie drehen in vierter Generation am Rädchen

Siebert ist Uhrmacher in vierter Generation. Seit 1973 ist er in Berlin. Das wichtigste, was er von seinem Vater gelernt habe? „Still sitzen bleiben“, sagt er und springt auf. In einer Tour klingelt das Telefon, steht ein Kunde in der Tür. Siebert wechselt Batterien, schreibt Auftragszettel, klemmt neue Armbänder an alte Uhren. Bernd Siebert ist eine bedrohte Art. Die Zeiten ändern sich eben, sogar seine Frau trägt eine Smartwatch, die den Puls anzeigt. „Wat willste machen?“

Gerd Engelsmann
Uhrmachermeister Bernd Siebert und sein Geschäft in der Gubener Straße sind seit Jahrzehnten eine Institution im Bezirk Friedrichshain. 

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Als hätte bei den sieben Zwergen eine Bombe eingeschlagen 

Im Laden drehen sich überall Zeiger, liegen winzige Werkzeuge herum, Scheibchen, Rädchen, Tiegelchen. Wie bei den sieben Zwergen sieht es auf dem Arbeitstisch aus, als hätte in ihrer Hütte eine Bombe eingeschlagen.

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Erst nachmittags, wenn er ruhiger wird, kann sich Siebert den größeren Reparaturen zuwenden. Dann versenkt er sich in die Welt aus Federn und Rädchen. 

„Meine Frau würde hier erstmal aufräumen“, sagte Bernd Siebert als er sich über seinen Arbeitsplatz beugt. Bloß nicht, er  weiß ja, wo jedes Teil liegt. Eine Drehung auf dem Stuhl, im Regal hinter ihm liegen die Dominosteine - für die Enkel. So viel Zeit muss sein.

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Wenn man die Augen im Laden schließt, hört man, wie die Zeit verrinnt. Es tickert und tuckert, gurgelt und gongt, weil die Uhren alle anders gehen, zu jeder krummen Minute. Seit einem Überfall hat Siebert den Verkauf von Uhren sein gelassen, in den Vitrinen stehen nun nur noch Wecker – Ersatzteillager und Museum zugleich.

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Siebert könnte längst in Rente gehen, den Laden dichtmachen. Doch irgendwie kann er nicht. 

Mehr als Batteriewechsel bei der Uhr: Das leisten Uhrmacher in Berlin

„Ich lebe von den Träumen der Alten“, sagt der Uhrmacher, der mit seiner Kundschaft altert. Längst müsste er sein Geschäft nicht mehr aufschließen, aber wo sollen sie dann hin, die Kunden? Viele kennt er seit Jahrzehnten. Erst kommen sie zu zweit, dann nur noch einer, dann gar keiner mehr. Viele seien weggezogen, noch mehr gestorben, sagt Siebert. Frau Nikolenko kommt herein, eine gepflegte Dame in den 80ern. „Es ist schön, wenn man herkommt und man ist nicht fremd“, sagt sie und wartet geduldig, bis die Batterien ihrer Uhren gewechselt sind.

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Bernd Siebert kennt viele seiner Kunden mit Namen. Auch Frau Nikolenko.

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Siebert kümmert sich um jeden gleich aufmerksam, egal ob einer mit einer Spezimatik kommt oder mit einer Küchenuhr von Aldi. „Lassen Sie die Uhr zwei Tage hier, aber ohne Hoffnung“, sagt er einem Kunden. Sie wissen genau, dass sie hier nicht übers Ohr gehauen werden.

Uhrmacher in Berlin: Revisionen erst nachmittags

Ab 16 Uhr wird es ruhiger, dann kann er den Uhren ans Innerste. Revisionen, komplizierte Eingriffe, die höchste Präzision erfordern. Siebert hat Hände wie Pranken. Aber sie können auch ganz klein. Bis unter die Decke hat er Schubladen voller Ersatzteile. Damit weckt er so manche Uhr aus dem Dornröschenschlaf.

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Irgendwann, wenn der kleine Laden in der Gubener Straße nicht mehr ist, müssen die Menschen in Center gehen oder ihre liebgewonnenen Uhren zur teureren Reparatur beim Spezialisten einschicken. Das wird weniger gemütlich und damit in zweifacher Hinsicht einen Enttäuschung. Bernd Siebert ist nämlich viel mehr als nur ein Uhrmacher. Er ist ein Menschenflüsterer. Eine aussterbende Art im sich immer schneller drehenden Alltag.

Hunderte Schuladen und in jeder ein Teil, das vielleicht eines Tages gebraucht wird. 

Stefanie Hildebrandt schreibt im KURIER Geschichten aus Berlins Kiezen 
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com