Unsere Autorin mag Klassentreffen, die sie mit jenen zusammenbringen, mit denen sie einst die Schulbank drückte. Bei ihrem letzten war auch der Ukraine-Krieg ein großes Thema. imago/Blickwinkel

Über Berlin scheint die Sonne. Es ist dieses durchwachsene Frühlingswetter, bei dem die einen noch im  Steppmantel unterwegs sind, und andere bereits die Zeit des freien Oberkörpers eingeläutet haben. So wie der reife Herr, der vorhin im Straßencafé zwei Tische von mir entfernt Platz genommen hat. Für meinen Geschmack ist es richtiges Urlaubswetter, und wie es der Zufall will, habe ich in dieser Woche tatsächlich frei. Aus einer lang geplanten Reise wird kurzfristig nichts. Also fahre ich mit dem Fahrrad durch Berlin, froh über die unerwartete freie Zeit in meiner Stadt.

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Auf den Ohren habe ich das Inforadio vom RBB, aber sehr konzentriert höre ich nicht zu. Denn ich denke noch ein bisschen über mein Klassentreffen vor ein paar Tagen nach. Genauer gesagt ein Jahrgangstreffen. Als wir alle noch gemeinsam die Schulbank drückten, wehte über uns und dem Land, in dem wir lernten, noch die vermeintliche Fahne des Fortschritts. Die einen glaubten mehr an sie, die anderen weniger. Heute ist ihr der Wind ausgegangen, wir erinnern uns auch weniger an sie als an unsere rigorose Schuldirektorin.

Die Direktorin knallte ihr Schlüsselbund auf die erste Bank

Sie pflegte im Klassenzimmer für Ruhe zu sorgen, indem sie ihr riesiges Schlüsselbund auf die erste Bank knallte. Schlagartig wurde es still. Pädagogisch war diese Methode sicher nicht preisverdächtig. Inzwischen sind wir aber so etwas wie gestandene Leute und amüsieren uns im Rückblick köstlich. Genauso viel Vergnügen haben wir an unseren Erzählungen über eine Klassenfahrt nach Kühlungsborn, bei der wir zur Musik von AC/DC die Jugendherbergs-Disko rockten. Was fühlten wir uns damals stark und unverwundbar – auf dem „Highway to Hell“.

Dann staunen wir ein wenig darüber, was sich in den Jahren seit unserem Schulabschluss in unseren Leben alles ereignet hat. Im Laufe des Abends finden sich Grüppchen derer zusammen, die auch früher ganz dicke miteinander waren. Wir erzählen uns von Wendungen und Brüchen, von glücklichen Momenten und solchen des Abschieds. Und wir tratschen genüsslich ein bisschen über jene, die heute nicht mit uns feiern.

Der Frieden war für uns einfach da

Und schon sind wir bei der allgemeinen Lage. In der Ukraine. Die Schüler von einst hätten sich nicht vorstellen können, dass heute tatsächlich von einem möglichen dritten Weltkrieg gesprochen wird. Der Frieden war uns immer ziemlich selbstverständlich. Selbst in den Hochzeiten des Kalten Krieges. Der Frieden war einfach da. Jetzt hat Russland ihn in der Ukraine blutig gebrochen. Welche weiteren Folgen das für Europa hat, weiß niemand. Da sinkt bei dem fröhlichen Treffen die Stimmung, bei diesen Aussichten wirkt selbst die beste Anekdote aus den 1980ern etwas schal.

Zivilisten werden aus den Kellern des Stahlwerks in Mariupol gerettet. imago

Während ich auf dem Fahrrad weiter über die Gespräche beim Klassentreffen nachdenke, höre ich im Inforadio einen sehr berührenden Bericht über die Evakuierung von Zivilisten aus den Katakomben des Stahlwerks in Mariupol. Eine von den Frauen, die aus dem Stahlwerk gerettet wurde, sagt mit schwacher Stimme: „Wir hatten Angst. Und keine Toiletten. Wir haben die ganze Zeit kein Sonnenlicht gesehen.“ Plötzlich fällt mir ein, worüber wir beim Klassentreffen nicht geredet haben: über unsere Schulabschlussfahrt nach Odessa und Kiew.

Symbolfoto Klassentreffen imago

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com