Verständnis bringt die Generationen zusammen - darüber schreibt KURIER-Autorin Sabine Stickforth in ihrer Kolumne. Foto: imago/Westend61

Liebe Leserinnen und Leser! Kennen Sie das, dieses ohrenbetäubende „Bum-Bum“, das sich Musik nennt?  Genauer gesagt, Rap-Musik! Heute Morgen gingen mir die Laute  wieder durch Mark und Bein, als sie aus dem Zimmer meiner Tochter schallten: hart, aggressiv, monoton – so empfinde ich Rap.

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Aber Ella liebt diesen dumpfen Sprechgesang. Ich dagegen verstehe kaum die Texte, die die jungen Rapper im angesagten deutsch-türkisch Mix ausstoßen. „Sie singen von Liebe und Sehnsucht. Davon, einen Platz im Leben zu finden. Sie singen von Chancen und Gerechtigkeit“, klärt meine Tochter mich auf. „Mein Lieblingsrapper Trettmann erzählt von den Stolpersteinen in seiner Straße und von dem zwölfjährigen Mädchen, das dort wohnte und ins KZ abtransportiert wurde. Er denkt daran, ob sie ihm zugelächelt hätte.“

Ich schweige, erinnere mich an die musikalischen Helden meiner Jugend

Ein wenig beschämt schweige ich, trinke meinen Kaffee und denke an die musikalischen Helden meiner Jugend. Die Band „Ton/Steine/Scherben“ begeisterte mich mit ihren kritischen Texten. Und plötzlich fallen mir die Diskussionen mit meiner eigenen Mutter ein, wenn ich außerhalb jeder Zimmerlautstärke „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ bis zum Anschlag aufdrehte. Habe ich heute wirklich genau so hysterisch reagiert wie sie damals?

Ella Fitzgerald gab, gemeinsam mit Louis Armstrong, 1965 ein Konzert im alten Friedrichstadtpalast. Foto: imago/Frank Sorge

In solchen Situationen, wo schnell mal der Geduldsfaden reißen kann und es womöglich zum richtigen Streit kommt, rate ich: tief durchatmen! Womöglich auf den Balkon gehen und sich um die Blümchen kümmern. Oder sogar kurz das Haus verlassen, um stramm und stracks um den Block zu rennen. Danach geht es besser!

Toleranz wird mit ganz viel Herzwärme belohnt

Das ist sicher: Unsere Kinder können uns im Nu an alle innerlichen Grenzen bringen.  Aber im Gespräch miteinander zu bleiben und dabei Toleranz zu üben wird belohnt – mit ganz viel Herzwärme! Und unser eigener Kopf bleibt jung und fit.

Der Musikgeschmack von meiner Tochter und mir kann wohl kaum unterschiedlicher sein. Schon lange verehre ich Ella Fitzgerald! Die „First Lady of Swing“ erzählt mit ihrer phantastischen Stimme schillernde Geschichten. Unvergesslich ihre Duette mit Louis Armstrong. Nie wieder gingen Künstler für mich eine so perfekte musikalische Symbiose ein, nie wieder tanzten Stimme und Instrument in so einer Grandiosität.

Rio Reiser, Sänger von „Ton/Steine/Scherben“. Foto: imago/teamwork

Ich fühle mich umarmt, verstanden, höre Ella beim Spaghetti kochen und beim Bettenmachen. Und ich gab meiner Tochter ihren wunderschönen Namen. Den Musikgeschmack hat die junge Ella ganz klar nicht von ihrer Namensgeberin geerbt, vielleicht aber ihre Stärke, ihr Durchsetzungsvermögen – und ihre Toleranz.  Ich glaube, daran muss ich noch arbeiten und daran, etwas genauer Zuzuhören und Hinzuschauen. Nicht gleich einen Menschen be- oder verurteilen, nur weil er nicht „meine“ Musik hört, nicht „meine Partei“ wählt, nicht meine Lebensphilosophie teilt.

Geht es Ihnen auch so, liebe Leserinnen und Leser? Haben Sie manchmal das Gefühl, vorschnell, zu vorschnell etwas bewertet zu haben? Ich freue mich auf Ihre Meinungen, Ihre Erfahrungen und vielleicht haben Sie ja auch eine kleine Geschichte von Toleranz und Vorurteilen zu erzählen. Ich freue mich darauf!

Ihre Sabine Stickforth

Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag im KURIER über das Leben über 50 in Berlin.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com