Die Kittelschütze ist ein Kleidungsstück, das eine Renaissance verdient hat, findet KURIER-Autorin Sabine Stickforth. Foto: dpa/Bernd Settnik

Liebe Leserinnen und liebe Leser! Sie hat Deutschland vereint, lange, bevor die Mauer fiel. Sie war geblümt, gestreift, praktisch. Sie wurde locker getragen oder auch mal sexy á la Sophia Loren und fehlte in keinem  Kleiderschrank einer Hausfrau: die Kittelschürze.

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Auch die Frauen in meiner Familie trugen sie und die lebten fast alle in der Pfalz.  Es waren die 60er- und 70er-Jahre. Meine Oma, meine Mutter, die Großtanten und Tanten waren ebenfalls sehr arbeitsame Frauen und in meiner Erinnerung haben sie das bequeme Kleidungsstück tagein und tagaus getragen. Bei der Haus- und Gartenarbeit. Morgens den Kohleofen anmachen, in der Frühe Kartoffel schälen und schon mal in Wasser aufsetzen, Brot backen, Fensterputzen. Zur Erntezeit wurde damit der Mirabellenbaum abgeerntet und dann köstliche Marmelade eingekocht. Die Familie war groß und es wurde alles immer selbst gemacht. 

Die Kittelschürze war der ständige modische Begleiter der Hausfrauen

Die Kittelschürze war der ständige modische und praktische Begleiter dieser arbeitssamen Hausfrauen. Mit allen möglichen Blümchenmustern und etwas dunkleren Farben, damit man den Schmutz nicht gleich sieht, der ja zwangsläufig beim Schrubben und Ordnung im Haus halten einfach mal an einer Klamotte hängen bleibt. Die Machart: Baumwolle oder pflegeleichter Stoff mit Nassglanz aus Nylon. In der DDR sagte man Dederon.

Katharina Stickforth, die Mutter von KURIER-Autorin Sabine Stickforth, Anfang der 60er Jahre in ihrem Garten und stets mit Kittelschürze.
Foto: Stickforth

Und dieser Kultkittel ist wirklich so praktisch! Leicht zu waschen und schnell zu trocknen ohne bügeln und dann wieder duftend frisch übergezogen. Es wird einfach eine Hose oder Rock mit T-Shirt oder Bluse darunter getragen. Ich würde meinen, dass dieses weibliche Kleidungsstück wohl auch nur von einer Frau erfunden werden konnte. Aber dem ist gar nicht so. Sie entstand in den USA nach dem ersten Weltkrieg. Namensgeber dieses kostengünstigen Arbeitskleides ist der 31. Präsident der Vereinigten Staaten Herbert Hoover, der zur Zeit der großen Wirtschaftsdepression Anfang der 1930er Jahre regierte.  

Nun hat uns Corona ja auch gelehrt, dass wir gar nicht so viele Klamotten brauchen, wie wir womöglich im Kleiderschrank hängen haben. Im Lockdown waren die Türen des Lieblingsfriseurs lange geschlossen. Treffen mit Freunden oder gar ein schönes Essen in einem Restaurant waren unmöglich und aus Pandemiegründen mit Recht verboten. Es war also gar nicht notwendig, „sich schick zu machen“. Das hat meine Einstellung verändert. Und der  Satz „weniger ist mehr“ hat für mich an Kraft und Bedeutung gewonnen – vor allem, was die Hülle und Fülle meines Kleiderschranks angeht.

„Weniger ist mehr“: Bundeskanzlerin Angela Merkel macht es vor!

Ich habe mich für ein „Kleiderfasten“ entschieden. Alles, was längst nicht mehr passt oder oder im Grunde wirklich nicht gebraucht wird, miste ich aus. Das fühlt sich toll an und ich kann es nur jedem empfehlen. Vor Augen habe ich dabei auch unsere Bundeskanzlerin, die längst ihren Stil gefunden hat und mit einem Drei-Knopf-Blazer immer gut angezogen ist.

Schlank ist das oberste Gebot heute, aber schlank sind wir „Best Ager“  in dieser Phase des Lebens  natürlicherweise  oft einfach nicht mehr. Wir sollten nicht mehr jeden Mode-Schnickschnack mitmachen!  Warum auch? Schließlich sieht im Homeoffice sowieso keiner, was man gerade trägt. Bequeme Kleidung wie Jogginghose und die figurschmeichelnde Kittelschürze sind angesagt. Die bekannteste Trägerin der Kittelschürze in der DDR war übrigens Charlotte von Mahlsdorf.

Auch Charlotte von Mahlsdorf trug Kittelschürze. Foto: imago/teutopress

Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass sich so wirklich eine Menge Geld sparen ließe, wenn man  beim jeweiligen Modediktat nicht alles mitmacht. Eine kleidsame Kittelschürze kostet schließlich nur  um die 30 Euro. Es ist mir ein Rätsel, warum namhafte Modeschöpfer sie nicht längst in ihrem Programm haben. In meinem Kleiderschrank würde auf jeden Fall eine Kittelschürze im Design von Coco Chanel zu finden sein. Ich würde sie mit Stolz tragen und dabei an die Pfälzer Frauen meiner Familie denken.

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Was meinen Sie, liebe Leser und Leserinnen, könnten Sie sich für ein Wiederaufleben der Kittelschürze als gängiges Modestück erwärmen? Es würde doch vieles leichter machen! Schreiben Sie mir. Ich freu mich drauf!

Ihre Sabine Stickforth

Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag im KURIER über das Leben über 50 in Berlin.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com