Reality-Stars: Bea Fiedler und Lars Tönsfeuerborn in der großen Dschungel-Show von RTL. Foto: TVNOW / Stefan Gregorowius

Immer wieder wenn eine neue Staffel eines Reality-Formats angekündigt wird, werden die gleichen Stimmen laut. „Wer sind die denn?“ – „Das sind ja gar keine richtigen Stars.“ – „Alles Infaulenzer, die keinen richtigen Job haben und für Geld so gut wie alles tun.“ Letzteres mag vielleicht sein, doch das ist in vielen Branchen auch so. Ein Plädoyer für den Berufsstand des Reality-Stars.

Kein IHK-Zertifikat für Reality-Stars

Nein, keine Sorge, ich fordere hier kein IHK-Zertifikat oder eine zweijährige Ausbildung zu Dumpinglöhnen, wie es in anderen Branchen gehandhabt wird. Ich traue den Casting-Abteilungen der Produktionsfirmen durchaus zu, die talentierten Entertainer von den untalentierten zu trennen. Denn darum geht es letztendlich als Reality-Star: ums Unterhalten.

Es ist schon interessant, dass der Job des Reality-Stars heute ähnlich kritisch gesehen wird, wie der Job des Sängers oder der Schauspielerin vor nur wenigen Jahrzehnten. Brotlose Kunst sei das, mahnten besorgte Eltern – und dann müsse man sich auch noch anziehen wie ein langhaariger Beatle.

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Die Pilzköpfe – oder später die schulterlangen Haare – sind bei den Reality-Stars anderen Trends und (teilweise sicher fragwürdigen) Schönheitsidealen gewichen. Muskelbepackt sollten die Männer sein, die Frauen werden vor die nahezu unerfüllbare Aufgabe gestellt, gleichzeitig schlank und kurvig zu sein. Zudem sind geschlechtsunabhängig Tattoos nicht schlecht – und natürlich gebleachte Zähne.

Noch lacht Frank Fussbroich im RTL-Dschungelcamp. Lacht er auch noch, wenn 1000 Kakerlaken in seinen Plexiglashelm kommen?
Foto: TVNOW/Stefan Gregorowius

Anstatt Gitarre spielen zu können und mit Mimik und Gestik eine bestimmte Stimmung erzeugen zu können, geht es nun darum, sich selbst zu inszenieren, Geschichten um sich zu spinnen. Eine Art modernes Improtheater um die eigene Person – und wer gut ist, auch um die Personen um einen herum. Denn nur so werden die Geschichten interessant. Die Liebesgeschichten bei „Love Island“, die Intrigen im „Sommerhaus der Stars“, das Leiden im „Dschungelcamp“.

Feindseligkeit gegen Reality-Stars: Vielleicht ist es Neid

Natürlich ist Reality-Star sein also ein richtiger Job – und zwar einer, der längst nicht etwas für alle ist, sonst würden ihn wohl viel mehr ergreifen. In den gehässigen Kommentaren schwingt Neid mit. Neid darauf, dass es Menschen gibt, die auf vermeintlich leichte Weise Geld verdienen. Neid darauf, dass es diesen Menschen egal ist, ob sie vor hunderttausenden Menschen in einen Känguruhoden beißen. Und da kann schonmal der Gedanke aufkommen: Die machen alles für Geld.

Dabei müssten sich dann viele von uns ebenfalls vorhalten lassen, was sie für Geld machen: Denn wir alle müssen arbeiten gehen, um unseren Lebensunterhalt zu und dabei ist auch nicht alles immer nur schön.

Lieber Fleischabfälle produzieren oder darin baden?

Was ist jetzt besser: Als Dschungelcamper in einen Bottich aus Fleischabfällen zu steigen, oder aber diese Fleischabfälle in einem Schlachthof zu produzieren? Einen Tag bei „Kampf der Reality Stars“ mit einem anderen Menschen zusammengekettet zu sein, oder als Polizist mitten in der Nacht eine Familie mit kleinen Kindern aus der Wohnung zu holen und in ein Abschiebeflugzeug zu setzen? Bei „Love Island“ beim Sex gefilmt zu werden, oder als Lobbyist für Kohlestrom werben, in dem Wissen, dass dieser unsere Welt zerstört?

In vielen Berufen machen viele Leute „für Geld alles“. Das gilt auch für Reality-Stars. Es ist eben ein ganz normaler Job – auch ohne IHK-Zertifikat.

Domescu Möller schreibt jeden Donnerstag im KURIER über die Welt des Fernsehens.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.