Der Klau-Sau vom Teufelssee wurde jetzt ein Denkmal gesetzt - in der Miniaturwelt der Modelleisenbahnen. Foto: Busch-Verlag

Erinnern Sie sich noch an Elsa? Elsa macht im vergangenen Sommer weltweit Schlagzeilen. Weil sie, eine Wildsau, einem FKK-Bader am Teufelssee die Tasche klaute. Was blieb, war das Foto eines Mannes, der gänzlich nackt und klatschend ein Wildschwein verfolgt. Und dieser Szene wird nun ein Denkmal gesetzt.

Nun – das wäre genau genommen etwas lapidar. Denn ein Denkmal steht eigentlich an einem Ort, um besucht zu werden. Doch der nackte Mann und die wilde Sau werden bald in vielen deutschen Hobbykellern zu finden sein. Weil es beide nun als Figürchen für die Modelleisenbahn gibt.

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Sie haben richtig gelesen: Der Busch-Verlag, der unter anderem Produkte für Eisenbahn-Fans auf den Markt bringt, stellte die Neuheit erst kürzlich vor. Zum Set gehört die Figur eines nackten Mannes, ein Wildschwein mit einer gelben Tasche im Maul. Und – die Schlingel haben an alles gedacht! – zwei Mini-Luftmatratzen. Das Set „Wildschweinalarm“, steht im Katalog zwischen „Nacktwanderer“ und „Forsthaus“ und kostet 11,98 Euro.

Hier wird nicht dem Nackten, sondern der Wildsau ein Denkmal gesetzt

Was der FKK-Freund davon hält, ist nicht überliefert. Ich für meinen Teil glaube aber sowieso, dass nicht ihm, sondern der Wildsau hier ein Denkmal gesetzt wird.  Denn seien wir ehrlich: Vom nackten Mann redete eine Woche später niemand mehr, von Wildsau Elsa schon. Tatsächlich stöberte die Bache mit ihren Frischlingen ständig in den Sachen der Badegäste herum. Und so kam eins zum anderen: Erbittert wurde die Debatte darüber geführt, ob man die Klau-Sau nun gezielt abschießen soll oder nicht. Tierschützer hielten dagegen. Was tun?

Wildsau Elsa klaute einem Nacktbader am Teufelssee seine Tasche. Foto: privat

Bis zu seinem Ruhestand war mein Vater als Revierförster in Sachsen tätig. Die Nähe zur Natur und Tieren wurde mit schon in der frühen Kindheit vermittelt. Noch heute wandere ich in meiner Freizeit und gehe dem „Geocaching“ nach, einer Art Schnitzeljagd in Wald und Heide. Und: Ich habe vor Wildschweinen gehörigen Respekt! Ich weiß, dass es nicht ungefährlich ist, ihnen im falschen Moment zu begegnen. Denn ihre Frischlinge verteidigen die Tiere bis aufs Blut.

Ich war mal mitten in der Nacht mit KURIER-Fotografin Sabine Gudath im Wald unterwegs. Nichtsahnend liefen wir den Wanderweg entlang. Und plötzlich: Grunzen von allen Seiten. Zwei Sekunden Schockstarre. Was tun? Gerannt sind wir, um unser Leben! Quer durch den Wald, gefühlt überall um uns herum das Trappeln von Wildschweinläufen, das Schnaufen, das Grunzen. Am Waldrand angekommen, zitternd, stiegen wir ins Auto. Ich zückte das Handy, googelte „wildschweine begegnung was tun“. Das erste Ergebnis: „Auf keinen Fall sollten Sie hektische Bewegung machen.“

„Schweine, wir kommen!“: Was tun bei der Begegnung mit Wildschweinen?

Das kam zu spät, doch seitdem wissen wir, was zu tun ist. Selten gehen wir nachts in den Wald. Und am Tag, wenn es dazu kommt, rufen wir in regelmäßigen Abständen „Schweine, wir kommen!“. Wir lachen jedes Mal darüber, denn es fühlt sich dämlich an, aber so wissen die Tiere, dass wir im Anmarsch sind. Vorbeugen ist besser als Rennen. Und sonst: Langsam den Rückzug antreten, den Tieren die Möglichkeit zur Flucht geben.

Putzig, aber nicht ungefährlich: Ihre Frischlinge verteidigen Wildschweine bis aufs Blut. Foto: imago/Petra Schneider

Würde ich die Schweine, die mich in jenem Moment bedrohten, deshalb aber gezielt abschießen? Nein. Denn ich bin in ihr Revier eingedrungen, nicht umgekehrt. Und deshalb muss ich es verlassen, wenn es zur Konfrontation kommt. Es ist das eigentliche Problem: Vielen Menschen fehlt der Respekt, das Gespür für Distanz. Ich vergleiche Wildschweine mit Feuerwerk: Beides ist schön anzusehen und überaus spannend. Aber nur mit ausreichend Abstand wirklich sicher. Und wer sich damit nicht auseinandersetzt, der rennt unter Umständen blindlings ins Verderben.

Wildschwein Elsa vom Teufelssee erfüllt eine wichtige Funktion

Elsa vom Teufelssee erfüllt daher eine wichtige Funktion: Ihre Geschichte ging um die Welt. Menschen haben sich mit ihr auseinandergesetzt. Experten haben anhand ihres Falles aufklären können. Und sie hat damit mutmaßlich mehr für die Umweltbildung getan als manches Biologiebuch. Auch deshalb finde ich es gut, dass ihr nun ein Denkmal gesetzt wird. Wenn auch ein kleines.

Bleibt nur eine Frage: Wo ist sie? Badegäste vom Teufelssee berichten, in diesem Jahr sei Elsa nicht gesichtet worden. Ich frage bei den Berliner Forsten an. „Wir sind sehr froh, dass es in diesem Jahr nicht wieder zu einer solchen Nähe und Zutraulichkeit von Wildschweinen an der Badewiese gekommen ist“, sagt Sprecher Marc Franusch.  Es habe keinen gezielten Abschuss von Elsa und Familie gegeben. Aber natürlich Jagden im Winter. „Welches Schicksal die Wildschwein-Familie hatte, wissen wir tatsächlich nicht.“ In den Herzen vieler Berliner lebt die Klau-Sau aber weiter. Und nun auch in vielen Hobby-Kellern.

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiergeschichten aus Berlin und Umgebung.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com