So prächtig, wie dieses Schmuckstück im Ofenmuseum Velten, war der Kachelofen unserer Autorin in ihrer ersten Berliner Wohnung nicht. Aber er hat gut geheizt.
So prächtig, wie dieses Schmuckstück im Ofenmuseum Velten, war der Kachelofen unserer Autorin in ihrer ersten Berliner Wohnung nicht. Aber er hat gut geheizt. imago/Jürgen Ritter

In einem halben Jahr ist Weihnachten 2022 schon Geschichte und Neujahr 2023 steht kurz bevor. Das scheint sicher. Weniger vorhersehbar ist hingegen, wie es uns in jenen Tagen gehen wird. Prägen der Krieg in der Ukraine und daraus folgende Gasknappheit unseren Alltag? Verbringen wir die Zeit zwischen den Jahren mit Fellweste und Hüttenschuhen in unseren Wohnungen? Werden die Raumtemperaturen wegen der Gaskrise tatsächlich von Amts wegen heruntergedreht? Vielleicht ist tapfer frieren für den Frieden dann zu einer Art moralischen Messlatte geworden.

Kann man sich noch nicht so richtig vorstellen bei der derzeitigen mediterranen Leichtigkeit in der Stadt. Ist aber schon deutlich zu hören. Wie forderte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen gerade: „Alle Verbraucherinnen und Verbraucher – sowohl in der Industrie, in öffentlichen Einrichtungen wie in den Privathaushalten – sollten den Gasverbrauch möglichst weiter reduzieren, damit wir über den Winter kommen.“ Keine schöne Vorstellung für viele Berliner, immerhin hängen laut Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft von 2019 mehr als ein Drittel aller Wohnungen in der Hauptstadt an den Gasleitungen.

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Ich sah unlängst einen Bericht des ARD-Politikmagazins „Fakt“ unter dem Titel „Angst vor dem Winter“. Darin wird der Leipziger „Kohlen-Peter“ bei seiner Arbeit begleitet. Der Händler mit Unikum-Charakter macht dieser Tage nach eigenen Worten Rekordumsätze, weil von Privatleuten so viel Kohle gekauft wird, wie nie in den letzten Jahrzehnten. Viele haben Angst vor fehlendem Gas und utopischen Preisen. Deshalb kellern sie wieder Kohlen ein. Egal, wie klimaschädlich die Braunkohle ist.

Kohlen-Peter macht ein gutes Geschäft

Der sächsische Kohlen-Peter schleppt jedenfalls seine Briketts säckeweise zu den dankbaren Kunden. Mit einem kühnen Schulterschwung knallt er sie auf ein Brett, auf dem sie gen Keller rutschen. „Immer rein mit dem Gelumpe“, so nennt es der Kohlen-Peter. Und freut sich sichtlich übers gute Geschäft.

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Dieser Mann bringt Kohle in Säcken - an solche Bilder dürften sich noch viele Berliner erinnern (Archivfoto, undatiert).
Dieser Mann bringt Kohle in Säcken - an solche Bilder dürften sich noch viele Berliner erinnern (Archivfoto, undatiert). imago

Ein wenig wehmütig erinnerte ich mich beim Bewundern der Knochenarbeit von Kohlen-Peter an eine alte Kulturtechnik: das Heizen eines Kachelofens. Die Wohnung meiner Eltern wurde bis in die 70er-Jahre mit Kohle gewärmt. Wir Kinder lernten also früh wie das geht: untere Klappe öffnen und die Asche vom Vortag rausnehmen. Dann die große Ofenklappe auf, einen Kien oder ein Stück Anzünder rein, drumherum aus drei bis vier Briketts eine kleine Höhle bauen. Feuer machen. Wenn alles bullerte, weitere Kohlen auflegen. Dann warten, bis sie durchgebrannt und keine züngelnden Flammen mehr zu sehen waren. Nun die untere Tür schließen. Wenn der Ofen langsam warm wurde, stellte sich eine gewisse sichere Gemütlichkeit ein.

So wurde auch meine erste eigene Wohnung in der Berliner Brunnenstraße im Winter warm. Das Unangenehme daran war nicht das Heizen des Kachelofens, sondern die Kohlen aus dem Keller zu holen. Nicht etwa, weil es anstrengend war, sondern weil ich mich etwas fürchtete. Die alte staubige Tür zum Keller des Hauses galt mir als eine Art Tor zur Hölle. Wenn ich ihren großen Riegel öffnete und auf die uralte Treppe hinuntersah sah, drängten sich mir Vorstellungen von faustgroßen Spinnen und noch mehr Unbill auf.

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Doch ich schaffte es immer, hinabzusteigen und die Eimer zu füllen. Denn Frieren ist noch blöder als Gruseln, das war mir schon damals schnell klar. Und ich schickte natürlich jeden Besuch mindestens einmal in den Keller, um meine Kohlenkiste im Flur aufzufüllen.

In den 90ern begann man dann, die Häuser in Berlin zu sanieren und moderne Heizungen einzubauen. Das tat der Berliner Luft gut, war für die Menschen viel komfortabler und machte Keller-Angsthasen froh. So geschah es auch in der Brunnenstraße, in der ich  schon lange nicht mehr wohne. Doch neulich war ich noch einmal in dem Haus. Die alte Kellertür erstrahlt heute in frisch gebeiztem Vintage-Chic. Aber Kohlen am Ende der Treppe und den Ofen in der Wohnung gibt es wohl nicht mehr.

Claudia Pietsch schreibt montags im KURIER über Berliner und Brandenburger Befindlichkeiten. Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com

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