Immer wieder müssen kranke Vögel im Tierheim untergebracht werden, weil illegale Vogelhändler auffliegen, die Tiere sichergestellt werden. Foto: Gerd Engelsmann

Vogel gehören neben Hunden und Katzen zu den beliebtesten Haustieren der Deutschen. Viele Menschen halten einen Kanarienvogel, nennen ihn Bubi oder Hansi. Vogelhalter wissen: Ein solches Tier einfach in einen Käfig zu stecken ist alles andere als artgerecht. Vögel brauchen nicht nur Wasser und Futter, sondern auch Ausflug, Landeplätze in der Wohnung, Beschäftigung. Sie machen Dreck und – naturgemäß - Lärm. Und nun die große Frage: Können Sie sich vorstellen, nicht nur einen, sondern 200 Vögel in einer winzigen Wohnung zu halten?

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Es klingt unfassbar, und doch gibt es sie: Menschen, die in ihren Wohnungen Hunderte Vögel einpferchen. Warum? Um das schnelle Geld zu machen!

Berlin hat nicht nur ein großes Problem mit dem illegalen Welpenhandel

Denn Berlin hat nicht nur ein Problem mit dem illegalen Handel mit Hundewelpen. Ein Vogelhändler ging jetzt Tierschützer Stefan Klippstein ins Netz: Der Berliner macht seit Jahren Jagd auf die Menschen, die mit wehrlosen Tieren die große Kohle verdienen.

Doch sein neuester Fall schockiert besonders. Als er mir die Bilder schickt, bin ich entsetzt. Unzählige Kanarienvögel sind es, die frei in einer Wohnung in Moabit leben. Der Boden in einem Raum, der mal ein Badezimmer war, liegt voller Körner. Überall ist Dreck, die Kacheln überzogen mit einer Schicht Vogelkot. Wasser sehe ich keines, nur eine zerdrückte Flasche liegt am Boden.

Die Aufnahme aus der Wohnung des Vogelhändlers zeigt, unter welchen Bedingungen die Tiere hier leben mussten. Foto: Stefan Klippstein

Stefan Klippstein durchforstet regelmäßig Kleinanzeigenseiten im Netz, sucht nach Menschen, die illegal Tiere verkaufen. Auf diesen Händler stieß er, weil er zugleich eine Vielzahl an Vögeln anbot. Klippstein gab vor, welche kaufen zu wollen, nahm eine Tierschutz-Kollegin mit zur Übergabe in Moabit. Als der Mann sie etwas später in die Wohnung ließ, saß der Schock auch bei dem erfahrenen Tierschützer tief.

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Er rief die Polizei. Als die Beamten anrückten, befreiten sie gemeinsam mit Klippstein 125 Vögel aus der Wohnung! Und das war offenbar nur die Spitze des Eisberges. „Der Händler sagte uns, dass er jeden Tag Tiere aus dem Fenster geworfen hatte, weil er sie nicht mehr versorgen konnte. Und dass er dieses Jahr bereits etwa 200 Stück verkauft hat.“ Der Zustand der Piepmätze: Verheerend. „Sie hatten Gefiederschäden, waren kränklich, von Milben befallen“, sagt Klippstein. „Um sie alle einzufangen, brauchten wir 20 Minuten, weil viele von ihnen wie kraftlose Motten auf dem Boden umherflatterten.“

Der Mann, gerade 25 Jahre alt, hatte sich vor längerer Zeit zwei, drei Vögel gekauft, die sich dann vermehrten. Als er sie loswerden wollte, stellte er fest, dass sich damit gutes Geld verdienen lässt. „Er verkaufte sie günstiger als im Tierhandel“, erzählt Klippstein. „Irgendwann hatte er in seiner Wohnung 80 Vögel.“ Es wurde zu viel, also besorgte er sich über einen Bekannten eine leerstehende Wohnung, brachte einige der Tiere her. Auch hier ging das muntere Treiben weiter, bis die Tierschützer eingriffen.

Bei solchen Fällen ist auch die Zivilcourage der Berliner gefragt

Ich verstehe an dieser Geschichte mehrere Dinge nicht. Zum einen: Was sind das für Menschen, sie so schändlich mit Lebewesen umgehen? Für Klippstein ist der Zustand in der Wohnung des Vogelhändlers eine Mischung aus „Animal Hoarding“, dem krankhaften Sammeln von Tieren, und der Lust auf schnelles Geld. „Er wollte die Tiere verkaufen, aber irgendwann geriet alles außer Kontrolle, das erlebt man leider immer wieder.“ Es gibt Hunderte Menschen in Berlin, die auf diese Weise ihr Geld verdienen, sagt er.

Stefan Klippstein macht in Berlin seit Jahren Jagd auf illegale Tierhändler. Foto: Sabine Gudath

Aber: Kein Händler ohne Kunden. Warum kaufen so viele Menschen Tiere, die offensichtlich unter so unwürdigen Bedingungen leben müssen – und unterstützen damit die Verkäufer? Jeder könne ganz leicht erkennen, um was für einen Tierhändler es sich handelt. „Oft ist auf Kleinanzeigenseiten im Netz schon auf Fotos zu sehen, dass unzählige Vögel in kleinen Käfigen eingepfercht sind“, sagt Klippstein. „Und Händler stellen keine Fragen – sie nennen nur den Preis. Grundsätzlich ist davon abzuraten, Tiere über solche Plattformen im Netz zu kaufen. Und die Tierheime sind voll.“

Nicht zuletzt ist Zivilcourage gefragt: Warum den Nachbarn des Mannes nicht auffiel, dass er unzählige Vögel in seiner Wohnung hält, ist mir mehr als schleierhaft. Die befreiten Vögel wurden im Berliner Tierheim in Falkenberg untergebracht, einige zogen in eine Auffangstation in Oranienburg.  

Und der Händler? Ihn erwartet eine Anzeige wegen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, außerdem will das Veterinäramt ein Tierhalteverbot verhängen. Einsichtig zeigte er sich bisher nicht. „Als wir die Vögel aus seiner Wohnung geholt hatten, kündigte er an, sich neue zu holen“, sagt Klippstein. Nur zwei oder drei, mehr nicht.

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiere.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com