Das Café Kranzler am Kudamm gilt noch immer als West-Berliner Institution. Seinen Ursprung hatte es aber im Osten der Stadt. Imago/Schöning

Seit Monaten begeben sich meine Frau und ich auf eine ungewöhnliche Reise in die Vergangenheit unserer Stadt. Und zwar mit Hilfe einer alten Radio-Hörspielserie, die der Sender Rias Berlin in den 60ern bis 80er-Jahren ausstrahlte und dessen Folgen wir nun im Internet wiederentdeckt haben. „Damals war‘s -Geschichten aus dem alten Berlin“ heißt sie, von der wir uns fast jeden Abend eine 30 Minuten lange Folge anhören.

Das Besondere an der Hörspielreihe sind nicht nur die Herz-Schmerz-Geschichten der Berliner, die zur Kaiserzeit oder in den Gründerzeitjahren spielen. Wer genau zuhört, erfährt auch viel Erstaunliches und Überraschendes aus der Historie unserer Stadt. Etwa, dass so manche Wahrzeichen und Institutionen, die man bis heute dem alten West-Berlin zuschreibt, eigentlich ihren Ursprung im Osten der Stadt hatten, als diese noch nicht durch eine Mauer geteilt war.

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Zum Beispiel das weltberühmte Café Kranzler, das mit seiner markanten Fassade am Kudamm fast jeder kennt, einst auf keiner West-Berlin-Ansichtskarte fehlen durfte und noch immer ein Anziehungsmagnet für Berliner, Promis und Touristen ist. Wie die meisten war ich bisher fest davon überzeugt, dass dieses legendäre Kaffeehaus eine West-Berliner Institution ist.

West-Berlin-Legende Café Kranzler: Seine Wiege stand im Osten

Im Osten Berlins war seine ursprüngliche Heimat: Das Café Kranzler an der Ecke Unter den Linden/Friedrichstraße, 1935 aufgenommen. imago-images/stock&people

Umso mehr war ich verwundert, als in der „Damals war‘s“-Geschichte „Wilhelm Wittes Witwen“, die um 1901 spielt, die Hauptperson, ein Friseurmeister aus der Schönhauser Allee, zum Café Kranzler Unter den Linden ging, um sich dort mit seiner Angebeteten zu treffen. Das war kein Irrtum des Autors dieser Geschichte. Nein, das erste Café Kranzler hatte der Wiener Zuckerbäckergeselle Johann Georg Kranzler 1852 an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden eröffnet. Die Filiale am Kudamm kam erst 1932. Im zweiten Weltkrieg wurden beide Häuser zerstört. Am Kudamm entstand Ende der 50er Jahre das neue Kranzler mit seiner markanten Fassade und wurde so zum West-Berliner Wahrzeichen.

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Legende KaDeWe: Die Vorbilder dafür standen im Ostteil Berlins

Die glitzernde Prachtmeile Kudamm: Die vielen Kaufhäuser, allen voran das weltberühmte KaDeWe, machten einst den Boulevard in der geteilten Mauer-Stadt zum Schaufenster West-Berlins. Doch beim Hören der „Damals war‘s“-Geschichte „Die flotte Charlotte“ erfahre ich plötzlich von einem Kaufhaus des Ostens, das 1905 am Alex stand und in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt.

Das Hertie Kaufhaus am Alexanderplatz: wurde 105 eröffnet, zwei Jahre vor dem KaDeWe. Der Einkaufstempel war damals der größte der Welt. imago-images/stock&people

Der Namen „KdO“ war ausgedacht, aber den Konsumtempel im Osten gab es wirklich. Das Kaufhaus Hermann Tietz (Hertie), wie es in Wahrheit hieß, war das Vorzeigehaus der Stadt, als es 1905 eröffnet wurde. Es war damals der größte Einkaufstempel der Welt. Mit einer Fassade von 250 Meter Länge präsentiert es auch die damals weltweit längste Kaufhausfront.

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Mit solchen Superlativen konnte das westlich gelegene KaDeWe nicht mithalten, das 1907 am Tauentzien eröffnet wurde. Kein Wunder: Die ersten schillerndsten Einkaufstempel der Stadt, quasi die Vorbilder für das KaDeWe, standen damals im Osten Berlins – an der Leipziger Straße, an der  Friedrichstraße und am Alex.

Das Kaufhaus Hermann Tietz befand sich etwa dort, wo heute die Galeria Kaufhof ihr Domizil hat. Das Angebot bestand allerdings eher aus erschwinglichen Waren für jedermann als aus Luxusgütern wie beim KaDeWe.

Das KaDeWe an der  Tauentzienstraße galt lange als West-Berliner Wahrzeichen. www.imago-images.de

Der Alex wurde in jener Zeit zum Shopping-Paradies. Neben dem Kaufhaus Hermann Tietz baute auch Wertheim einen Einkaufstempel, hinter dem Bahnhof, wo heute ein Kino steht. 1911 folgte C&A, das in Alex-Nähe sein erstes Geschäftshaus eröffnete.

Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Glanz im Osten Berlins zerstört. Von den Warenhäusern blieben Ruinen, wurden abgerissen. Dafür eröffnete 1970 das neue Centrum-Warenhaus auf dem Alex, das größte Kaufhaus der DDR. Mit der prachtvollen Konsum-Welt der Kaufhäuser, die in West-Berlin aufblühte, konnte es allerdings nicht mehr mithalten.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com