Wer hätte das gedacht: Bei den Touris zählt der Alexanderplatz im Herzen des Berliner Ostens zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten in Europa. Foto: AFP

Ich erinnere mich noch genau, wie die DDR-Bürger massenhaft in den Westteil Berlins strömten, um den Kudamm zu sehen, als am 9. November 1989 die Mauer fiel. Nicht nur für sie, auch für die Berlin-Gäste aus aller Welt war die Glitzerwelt auf dem Prachtboulevard mit der nahen Gedächtniskirche und dem Café Kranzler auch Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung der Stadt der Anziehungspunkt schlechthin. Der Ostteil mit seinen schönen Ecken hatte es schwer, sich dagegen durchzusetzen.

Doch 32 Jahre nach dem Mauerfall hat sich jetzt der Berliner Osten gegen die Konkurrenz aus dem Westteil durchgesetzt. Vor allem mit dem Alexanderplatz, der bei den Touristen aus dem In- und Ausland zu den fünf beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Europa zählt.

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Herausgefunden hat dies gerade die Berliner Agentur „Vergleichs.org“. Sie hat ausgewertet, welche europäischen Wahrzeichen bei Internetnutzern weltweit am beliebtesten sind – auf Basis der Anzahl der Online-Bewertungen auf Google.

Der Alex  auf Platz 5 - nur Trevi-Brunnen und Eifelturm sind beliebter

Da steht auf Platz eins der Trevi-Brunnen in Rom mit 285.157 Bewertungen, gefolgt vom Kolosseum in Rom und den Pariser Sehenswürdigkeiten Eifelturm und dem Louvre. Und auf Platz fünf – da steht unser Alexanderplatz, dem Herzstück des Berliner Ostens mit 163.549 Bewertungen, die bis Anfang November im Internet abgegeben wurden.

Bis zu 350.000 Menschen sind täglich auf dem Alexanderplatz. Für viele Berliner und Touristen ist die legendäre Weltzeituhr der Treffpunkt. Gudath

Es überrascht mich wirklich, dass der Alex es unter den Top 5 der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Europas geschafft hat. Denn der Platz, der 1805 nach dem russischen Zaren Alexander I. benannt wurde und auf dem laut Statistik täglich über 350.000 Menschen sein sollen, machte in der jüngsten Vergangenheit nicht gerade durch seinen Glanz Schlagzeilen.

Kriminalitätsschwerpunkt und Schmuddelecke: Auch das ist leider der Alex

Mordfälle, Messerstechereien, Raubtaten und Randalen – der Alex gehört seit Jahren zu den sieben kriminalitätsbelasteten Orten Berlins. 2017 musste dort extra eine Polizeiwache eingerichtet werden. Und dennoch nimmt Kriminalität nicht ab. Allein im dritten Quartal in diesem Jahr wurden 1648 Straftaten auf dem Alex registriert.

Ein junges Paar, dass sich während der Weltfestspiele der Jugend 1973 auf dem Alex küsst. Der Platz  war  zu DDR-Zeiten das Schaufenster des Berliner Ostens.  Imago

Und auch beim Aussehen punktet der Platz nicht gerade. Lange galt er sogar als Schmuddelecke. Die Leute, die wöchentlich den Brunnen der Völkerfreundschaft von Müll und Essensreste der Alex-Besucher befreien, können ein Lied davon singen.

Das alles scheinen auch die aus aller Welt zu wissen. Und dennoch lieben sie offenbar den Alex. In den Bewertungen lese ich immer wieder, wie toll sie den Platz finden, an dem man im Kaufhof oder im Saturn shoppen kann, sich in Cafés eine Verschnaufpause gönnt oder den nahen Fernsehturm besucht. Manche Berlin Gäste loben den Alex, weil man hier die DDR-Geschichte noch spürten könnte, oder wie es damals in den 20er-Jahren in Berlin war. Kein Wunder: TV-Serien wie „Babylon Berlin“, die auch am Alex gedreht wurden, haben ihren Beitrag dazu geleistet.

Der TV-Hit „Babylon Berlin“ sorgte mit dafür, dass der Alexanderplatz bei Touristen beliebt ist. Im April wurde zwischen Alex und Rotem Rathaus die vierte Staffel gedreht. Imago

Touris machen sogar Heiratsanträge auf dem Alex

Der Favorit der Touris ist, ganz klar, die Weltzeituhr, wo man sich noch immer gerne trifft, um von dort aus Berlin zu erkunden.  Oder um einen Heiratsantrag zu bekommen, wie eine Besucherin aus Nordrhein-Westfalen in ihrer Online-Bewertung berichtet, die gerade mit ihrem Freund dort war.

Auch wenn der Alex noch immer weit vom Kudamm-Glanz entfernt ist: Er ist auf jeden Fall zu einem wichtigen Ort in Europa geworden. Ich freue mich jedenfalls, dass die Mitte des Berliner Ostens einen Platz in den Herzen der Menschen gefunden hat, egal, woher sie kommen.

Norbert Koch-Klaucke schreibt jeden Freitag im KURIER über Geschichten aus dem Osten.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com