Ein Teil der Oderberger Straße ist eine Fahrradstraße. Bis Ende Juli sollen die Markierungen fertig sein.
Ein Teil der Oderberger Straße ist eine Fahrradstraße. Bis Ende Juli sollen die Markierungen fertig sein. Imago/Jürgen Ritter

So schnell kann es gehen. Quasi über Nacht hat die Oderberger Straße ein neues Gewand bekommen. Weiß glitzert das neue Schild auf dem Asphalt Ecke Kastanienallee in der Morgensonne. Fahrradstraße steht da jetzt. Höchste Zeit also, sich das Ganze mal vom Sattel aus anzusehen.

Fahrradstraße, das heißt, dass hier Radler Vorrang haben. Sie dürfen nebeneinander fahren, trödeln, rasen, am Rand werden extra neue Parkflächen für Fahrräder eingerichtet. Autos sind hier nur noch Gäste. Vom Sattel aus gesehen, ungebetene Gäste, wenn man ehrlich ist. Durchgangsverkehr für Autos bleibt verboten, wer hier mit dem PKW fährt, ist Anwohner oder will hier parken. Flyer haben darüber informiert, wer jetzt hier King of the Road ist.

Alle Kolumnen finden Sie hier>>

Fahrradstraße, das heißt aber auch, dass es weiter Autos gibt, die rückwärts ausparken. Es gibt weiter Lieferwagen, die dafür sorgen, dass in den vielen Kneipen und Cafés in der Oderberger Straße Nachschub ankommt, damit es kühl durch die Kehlen rinnt und man angeschickert auf dem Rad nach Hause taumeln kann. Zumindest bis die Straßenbahn, die an der Kastanienallee quert, und den Fahrrad-Flow jäh stoppt, einen aus dem Radfahrerträumen bimmelt.

Lesen Sie auch: Die Koffer sind weg: So gehen Sie bei verschollenem Reisegepäck vor! >>

Fahrradstraße mit eigenen Problemen

Auch die neuste Fahrradstraße Berlins hat mit altbekannten Problemen zu kämpfen. Auch wenn hier baulich nichts verändert werden muss, weil die Oderberger Straße bereits verkehrsberuhigt ist, sorgen verschiedene Hindernisse für Störungen im Verkehrsfluss. Autofahrer, die auf ihr Gewohnheitsrecht pochen, etwa. Der nette Polizeibeamte, den ich auf der Fahrradstraße treffe, kann ein Lied davon singen. Obwohl die Durchfahrt in Richtung Choriner Straße und Schönhauser Allee verboten ist, schlängeln sich immer wieder Autos durch, die Zeit sparen wollen. Das wird sich mit der neuen Bezeichnung Fahrradstraße nicht ändern.

Ein anderes Hindernis sind Radler, die sich, nun wo sie es dürfen, extra breit machen. Wenn dann einer schneller überholen will und das ausparkende SUV oder die piepende Müllabfuhr auftauchen, wird es  schnell brenzlig. Ich habe noch nirgendwo so viele Flüche gehört und Fäusteschütteln gesehen wie auf Fahrradstraßen, wo besonders hohe Erwartungen besonders oft aufeinandertreffen.

Lesen Sie auch: Er galt seit 30 Jahren als ausgestorben! DIESES wunderschöne Tier ist jetzt endlich zurück in Berlin>>

Von betüdelten Doppelpacks (verboten) auf E-Rollern ist da noch gar nicht die Rede gewesen. Denn was viele nicht wissen: Fahrradstraße sind auch Straßen für E-Roller. Unübersichtlicher geht's kaum, finde ich. Und wer schon einmal einen E-Roller auf dem Radweg hinterherfahren musste,  weiß wie wenig die beiden Fortbewegungsmittel gemein haben.

Fahrradstraße in Berlin: Nachsicht bei Nachtsicht

Ich bin ein Freund der klaren Situationen: Autos auf der Straße, Räder auf einem gut ausgebauten Radweg daneben. Fußgänger geschützt auf dem Bürgersteig. E-Roller: eigentlich überflüssig. Wenn ihr sie schon fahren müsst, dann traut euch auch auf die Straße. Der Melting Pot Fahrradstraße hingegen verlangt wirkliche Wachheit. Sie ist nichts als eine Erziehungsmaßnahme: eine Aufforderung, Rücksicht und Nachsicht zu üben.

Lesen Sie auch: Lost Places in Brandenburg: Fabriken, Ferienheime, Fünfgeschosser: Darum sind verlassene Orte so faszinierend >>

Gelegenheit dazu gibt es in Prenzlauer Berg vielleicht bald schon in weiteren Straßen: Auch die  Duncker-, Senefelder- und Kollwitzstraße könnten ebenfalls Fahrradstraßen werden. Die Schönhauser Allee wird ebenfalls fahrradfreundlich umgebaut und ganz ehrlich, ich weiß noch nicht, wie ich das finden soll. Denn die Autos sind ja nicht weg, nur deklassiert. Und das muss erstmal durch die dicken Karossen dringen.

Stefanie Hildebrandt schreibt regelmäßig im KURIER über Berlins Kieze und den Osten. 

Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com

Lesen Sie auch: Wasser, Sonnencreme und Melonen, so hilft die Berliner Stadtmission Obdachlosen bei Hitze >>