Berliner Charme. Ein Späti in Kreuzberg. Manchmal schmeckt die Stadt auch nach abgestandenem Bier und Altmännerschweiß. Imago/F. Anthea Schaap

An Klischees ist ja meistens etwas dran, auch wenn man es nicht wahr haben will. Berlins Kieze jedenfalls haben allesamt jeweils einen eigenen Ruf weg. Wenn man auf einer Party jemanden trifft, ist die Frage nach der Herkunft oder dem Wohnort längst nicht mit dem Überbegriff Berlin beantwortet. Aufschluss über das eigentliche Wohnumfeld gibt erst, wer sagt, in welchem Kiez er lebt.

Alles Pankow, aber doch Welten dazwischen

Für Menschen aus Pankow zum Beispiel ist es ein Unterschied, ob man aus Pankow-Pankow kommt, aus dem Winsviertel oder aus Französisch-Buchholz. Alles Pankow, aber doch Welten dazwischen. Ebenso für Menschen aus Köpenick, die entweder in Oberschweineöde, ich weiß, das sagt man nicht mehr und wegen der Studenten ist da jetzt richtig was los, oder Schmöckwitz zu Hause sind. Oder Marzahn und Biesdorf, Mitte oder Wedding - man kann die Liste beliebig fortführen.

Berlin: Welcher Bezirk ist der beste ? 

Dennoch gibt es Versuche, wohl für Menschen von außerhalb, die einzelnen Bezirke und Stadtteile, deren kleineste Einheit ja der Kiez ist, greifbar zu machen. Anders lässt sich eine entsprechende Hochglanz-Übersicht auf der Tourismus-Seite der Stadt nicht erklären. Hier bekommt jeder Bezirk ein Marketing- Label zugewiesen – sehr aufschlussreich.

Pankow etwa gilt dort als „kosmopolitisch, kreativ und entspannt“. Von Kampfradlern und Über-Müttern und Partyvolk in den Parks wird lieber geschwiegen. Lichtenberg punktet mit „Familienglück und Geschichte“ zum Anfassen. Runtergerockte Einkaufsstraßen und leerstehende Stasi-Blocks, obdachlose auf der Frankfurter Allee klingen da schon weniger sexy.

Marzahn gilt Werbern seit Jahren „im Wandel und aufregend neu“, das sehen die gelangweilten Kids, die abends durch die Häuserschluchten ziehen oder am Kienbergpark Frust ablassen, oder die Kassiererin im Russen-Markt sicher anders. Hört man von Treptow-Köpenick, muss immer gleich die Lage am Wasser herhalten. In der zweiten Reihe, wo die Wohnungen vielleicht gerade so noch bezahlbar sind, ist es genauso trocken wie in Hellersdorf.

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Stadtteile in Schokolade 

Ein wenig kreativer ging vor ein paar Jahren die Autorin Tanja Dückers vor, als sie eine ganze Reihe von Stadtteil-Schokoladen erfand. Für Köpenick liest sich ihre Kreation etwa so:

„Auf einem See (Salz) aus honigheller Schokolade segeln bauchige Kaffeetassen (Kaffee) und alte preussische Uniformknöpfe (goldgelbe Schokolinsen) umher. Irgendwo winkt ein Unionsfan (Roter Pfeffer). Für die höchste Erhebung Berlins, die Müggelberge, stehen Mandelspalten lächelnd Spalier. Berlins Kieze können so köstlich sein.

Sag mir wo Du wohnst 

Doch die Wirklichkeit schmeckt anders. Der Berlin-Blog Mit Vergnügen hat einmal zum Spaß ehrlichere Varianten ausgetüftelt: Für die Sorte Prenzl Bergle würden sie Spätzle, Tannenzäpfle und Kinderkotze mixen, für Pankow wären die Geschmacksnoten Sushi, Babybrei und Bio-Rotwein passend, in  F‘hain schmeckt es nach Süßkartofelpommes, Pfeffi und Hundekot. Für Marzahn würde ich die Kombi Wodka, Geranie und Linoleum vorschlagen, für Lichtenberg vielleicht Feinstaub, Asia-Plastik, und Döner. Für Köpenick Tabac-Aftershave, Wald und Grillwurst -im eigenen Garten versteht sich. Und wenn Ihnen das alles viel zu viel Klischee ist:  Was soll ich sagen, bei mir steht wirklich noch in Bio-Rotwein im Schrank. Übrig geblieben, weil schrecklich sauer. Und bei Ihnen so?

Stefanie Hildebrandt schreibt im KURIER Geschichten aus den Kiezen.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlagcom