KURIER-Autor Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch über Tiere in Berlin. Dieses Mal geht es um ein leidiges Thema: Den illegalen Handel mit Hundewelpen. Foto: picture alliance/Tierschutzverein Stuttgart

Berlin ist eine Stadt, die sich besonders durch Tierliebe auszeichnet, sagt man. Laut Statistik hielten allein 104.723 Berliner im Jahr 2019 einen Hund. Tendenz steigend, denn im Frühjahr 2020 kam Corona. Die Pandemie veränderte unser aller Leben. Und half mir dabei, etwas wichtiges über die Berlinerinnen und Berliner zu lernen. Sie sind tierlieb, ja. Aber sie sind es oft auf eine Weise, die zugleich für viel Leid sorgt.

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Seit Frühjahr 2020 schreibe ich verstärkt über den Handel mit illegalen Hundewelpen. Vielleicht haben auch Sie darüber schon einiges gelesen. Das tut mir Leid, aber wir müssen da jetzt gemeinsam durch. Schon lange wissen skrupellose Menschen, dass sich mit wehrlosen Hundebabys gutes Geld verdienen lässt. Es ist also nicht so, dass das Problem nicht auch schon vor Corona ein Problem gewesen wäre.

Das Häufchen Elend, getauft auf Bella-Sophie, vergesse ich nicht

Für den KURIER habe ich vor Jahren mal eine Serie geschrieben über Dinge, die in der Hauptstadt nachts passieren. Einmal waren wir dafür in einer Tierarztpraxis. Der erste Fall an jenem Abend: Eine Familie mit einem winzigen Welpen, gekauft aus einem Kofferraum. Der Hunde-Dealer nahm das Geld – 200 Euro – und rannte weg. Aus Angst kamen die Käufer in die Praxis. Das Häufchen Elend, getauft auf den Namen Bella-Sophie, vergesse ich nicht.

Am Brandenburger Tor stellten Tierschützer von „Vier Pfoten“ bei einer Mahnwache Kreuze auf. Foto: Volkmar Otto

Die Fakten habe ich seitdem oft zu Papier gebracht. Meist kommen die Hunde aus Fabriken in Ostblockländern. Anders kann man die Vermehrungsstationen wohl kaum bezeichnen. Unter unwürdigen Bedingungen kommen die Tiere dort zur Welt, werden zu früh von ihren Müttern getrennt. Um dann, eingepfercht in Transportern, durch Europa gekarrt zu werden. Damit Menschen, die schnell einen Hund wollen, um Gottes Willen nicht lange warten müssen.

Dass all das so passiert, dass die Hunde oft krank sind, dass sie leiden, das ist bekannt. Reporter wie ich schreiben darüber, immer wieder. Tierschutzorganisationen warnen. Greifen zu besonderen Mitteln. Der Tierschützer Stefan Klippstein lässt Hunde-Dealer auffliegen und übergibt sie an die Polizei. Mit ihm arbeite ich inzwischen regelmäßig zusammen. Erst kürzlich gelang es ihm, Fotos in der Wohnung eines Welpenhändlers zu machen. Von verdreckten Hunden, die in der Badewanne lebten, zwischen Fäkalien, im Futternapf in Milch aufgelöste Glasnudeln. Als ich es sah, wurde mir kotzübel.

Ich habe über Menschen geschrieben, die sich Haustiere anschafften, die verseucht waren mit gefährlichen Viren. Über einen Familienvater, der einen Welpen holte. Und nur Stunden später starb das Tier, in den Armen seiner Kinder. Diese Menschen tun mir Leid, aber ich frage mich auch: Wie kann es sein, dass so viel getan wird, um aufzuklären – aber so viele trotzdem zuschlagen? Ist es Naivität? Oder ist unsere moderne Gesellschaft schuld, in der es in Ordnung ist, alles, was man sich wünscht, auch augenblicklich zu bekommen?

Für Tierschützer muss es sich anfühlen wie ein Kampf gegen Windmühlen

Die Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“ stellte erst Anfang Juni am Brandenburger Tor bei einer Mahnwache hunderte Holzkreuze auf. Zudem übergaben sie am vergangenen Mittwoch 114.000 Unterschriften an das Landwirtschaftsministerium von Julia Klöckner (CDU) – gefordert wird unter anderem ein Verkaufsverbot von Tieren in sozialen Netzwerken. Auch das Berliner Tierheim startete in der vergangenen Woche eine Kampagne. Todesanzeigen von Welpen sollen auf das Leid der Tiere aufmerksam machen.

Mit solchen Plakaten macht das Berliner Tierheim auf das Leid der Hundewelpen aufmerksam. Foto: Tierheim Berlin

Und während einer die Plakate hängt, werden zwei Querstraßen weiter die nächsten Welpen verkauft, aus der Handtasche, aus dem Kofferraum, aus der Einkaufstüte. Es geht immer weiter. Für die Tierschützer muss es sich anfühlen wie ein Kampf gegen Windmühlen. Fakt ist: Die Politik muss etwas tun. Aber das reicht nicht. Vor allem müssen WIR ALLE etwas tun: Verstehen, dass man Welpen nicht über Kleinanzeigenportale kauft.

Die Tierheime sind voll, so viele Hunde und Katzen warten auf ein Zuhause. Natürlich macht das Arbeit – das Tierheim ist kein Kaufmannsladen. Es braucht Zeit, das entsprechende Tier kennenzulernen, und kein Lebewesen wird hier abgegeben, ohne die Bedingungen zu kontrollieren, unter denen es aufwachsen wird. Wer das auf sich nimmt, darf sich tierlieb nennen. Wer sich bei einem illegalen Händler einen Hund beschafft, ist es aber nicht. Denn er finanziert ein dreckiges Geschäft, das vor allem eines verursacht: Unfassbares Leid.

Florian Thalmann schreibt jeden Mittwoch im KURIER über Tiergeschichten aus Berlin und Umgebung.
Kontakt in die Redaktion: wirvonhier@berlinerverlag.com