Wanderer umringen den Stamm der großen Platane.
Wanderer umringen den Stamm der großen Platane. Imago/Jürgen Ritter

Liebe Leserin und lieber Leser,

bisher hat uns der Herbst ja verwöhnt. Auch wenn die hohen Temperaturen verstören, fehlen mir ehrlich gesagt Schmuddelwetter und dunkelgraue Tage nicht. Die milden Temperaturen und die wohltuende Sonne lockten nach draußen und bei den Gesprächen mit Freunden, Kollegen und Nachbarn – darunter sehr viele junge Leute – fiel mir auf, wie viele wandern gehen. Galt das nicht lange Zeit als ziemlich spießig und langweilig? Und überhaupt: Passt eine moderne, pulsierende, hippe Metropole zu Wanderstiefeln und Wanderrucksack?

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Ich wurde neugierig und fragte nach, warum so viele plötzlich zu Fuß unterwegs sind. Wandern als neuer Boom? Die Antworten ergaben einen bunten Mix: Weil es Spaß macht, weil ich mich gern bewege, weil ich die Stadt ganz neu entdecke, weil ich endlich etwas für meinen Körper tun muss und keine Lust zum Joggen habe, weil ich den Kopf frei bekomme und gut nachdenken kann. Erstaunlich viele laufen allein, suchen die Ruhe und den Dialog mit sich selbst.

Das hippe Berlin mit Wanderstiefeln

Das war in einem Moment, als Telefonate, E-Mails und Gespräche gleichzeitig auf mich einstürmten, eine paradiesische Vorstellung. Bei diesen Antworten wurde mir schnell klar, dass Wandern in der Stadt wirklich eine Massenbewegung ist.

Bleibt die Frage: Wo laufen sie denn hin? Es gibt WhatsApp-Gruppen, die sich verabreden und Tourenvorschläge austauschen, verschiedene Internet-Portale (so berlin.de; visitberlin.de) informieren über die schönsten Wanderwege in der Hauptstadt, es gibt Online-Wanderportale und natürlich jede Menge gedruckter Wanderführer für altmodische Menschen wie mich, die nicht die ganze Zeit mit dem Handy vor der Nase laufen wollen.

Wandern mit Handy ? Für mich gedruckter Wanderführer

Braucht man eigentlich auch nicht, denn mir ist erst jetzt aufgefallen, wie viele Wege durch die Stadt gut ausgeschildert sind. Allein die 160 Kilometer Mauerweg durch Berlin und entlang der Grenze zu Brandenburg, den man bequem in Etappen aufteilen und Stück für Stück erwandern kann. Aber ich steige sachte ein.

Mein Plan steht fest: Am kommenden Wochenende werde ich den Wuhletalweg erwandern! Der beginnt am S-Bahnhof Ahrensfelde, führt u. a. an den Gärten der Welt vorbei, und endet nach 15 Kilometern am S-Bahnhof Köpenick. Wenn es mir doch zu weit wird, gibt es gleich mehrere U-Bahn- und Buslinien am Wegesrand, die eine Alternative zu eventuell schmerzenden Füßen oder einem Angriff von Lustlosigkeit sind. Stadtwandern hat zudem den Vorteil, dass man nicht den gesamten Proviant mitschleppen muss. Schlechtes Wetter lasse ich als Ausrede einfach nicht zu, denn Regensachen habe ich genauso wie Turnschuhe im Schrank.

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Übrigens habe ich bei meinen Nachfragen im Freundes- und Kollegenkreis erfahren, dass einige der Stadtwanderer inzwischen ihre Liebe zu langen Touren entdeckt haben. Brandenburg stand da auf der Hitliste ganz vorn. Ein paar von ihnen folgten sogar dem Ruf der Berge. Ich fange erst mal bescheiden an und folge dem Ruf des Wuhletalwegs, der zu meinem Glück keine Berge hat.

Ihre
Sabine Stickforth

KURIER-Autorin Sabine Stickforth schreibt jeden Dienstag über das Leben über 50 in Berlin.
Anregungen an wirvonhier@berlinerverlag.com.